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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-12753
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/1275/


Kim, Hyun-Jin

Wiederfindung der Sprache : das neue Verhältnis des Sprach-Ichs zur Welt bei Peter Handke seit dem Werk Der Chinese des Schmerzes

Find again the language : the new relation between language ego and world of Peter Handke since the work Der Chinese des Schmerzes

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Kurzfassung in Deutsch

Die Sprachproblematik des Sprach-Ichs und deren Überwindung durch die Suche nach Zusammenhang zwischen Welt und Ich bilden in Peter Handkes Erzählungen das Hauptthema, das sich als roter Faden durch sein Gesamtwerk hindurchzieht. Aber erst im Spätwerk seit seiner Tetralogie gelingt es dem Sprach-Ich Handkes, die einzelnen Momente in einen Zusammenhang zu stellen. Während das Sprach-Ich in Die Angst des Tormanns beim Elfmeter aus dem Zusammenhang gerissen worden ist und in Der kurze Brief zum langen Abschied eine traumhafte Verwandlung durch die Durchbrechung der Ich-Grenzen erlebt, sagt es in Die Lehre der Sainte-Victoire, der Zusammenhang sei möglich. In Hinblick auf das Verhältnis des Schreib-Ichs zur Welt sind in Handkes Werken vier Phasen zu erkennen. In der ersten und zweiten Phase gelingt es dem Sprach-Ich kaum, ein Verhältnis zur Welt herzustellen, da in dieser lauter Zusammenhangslosigkeit vorherrscht, die schließlich zur Sprachlosigkeit des Sprach-Ichs führt. Es zieht sich in eine innere Wunschwelt zurück, in der es einen kurzen Augenblick eine Verwandlung erfährt, welche es in einen Traumzustand oder in eine andere Zeit hineinversetzt. In der dritten ist das Sprach-Ich nicht mehr stumm. Endlich schaut es die Welt nicht mehr vom Standpunkt des Subjekt-Ichs aus an. Es lernt, sie von einem Standpunkt von „In-der-Welt-Sein“ aus zu schauen und einfach über die Welt zu sagen, wie sie ist. Auf diese Weise wird die Welt wieder erzählbar. In dieser Phase, in die vor allem Die Lehre der Sainte-Victoire gehört, verbindet Handke seine autobiographische Selbstreflexion mit philosophisch begründeter poetologischer Reflexion. Das Ich erzählt nicht nur über seine Existenz in der Welt, sondern auch über die Wahrheit der Welt, die schließlich in dem Wesen des Menschen, d. h. in dem Menschsein und seinem Bezug zu Ding und Welt, liegt. Diese neue Poetologie Handkes, die auf dem auf solche Weise hergestellten Verhältnis zur Welt basiert, steht mit Martin Heideggers ontologischer Deutung der Sprache ("das Sein ist das Sagen") im Zusammenhang. Das Erzählen über das Wesen der Menschen und über die Wahrheit des Seins in der Lehre der Sainte-Victoire ist "ein gerichtetes Erzählen" in dem heideggerschen Sinne. Neben seiner Lebensgeschichte, die die eines Künstler-Ichs ist, rückt auch das Leben als ein Mensch-Sein als das Thema seines Erzählens immer mehr in den Mittelpunkt. In der vierten Phase wird dann ein friedliches Geschehen im Leben zu einer Erzählung. Die weiteren Texte Handkes seit dem Chinesen des Schmerzes sind als der Versuch zu einem neuen Erzählen verstehen, in dem sich alles „friedliches“ Geschehen von selbst zum Epos gliedert. Im Chinesen des Schmerzes kommt keine Auseinandersetzung mit der bestehenden Welt zum Ausdruck. Um von der Sprachlosigkeit herauszukommen, versucht der Ich-Erzähler durch die „Phantasien der Wiederholung“ sein Verhältnis zur Welt zu rekonstruieren. Handke versucht in dieser Phase die Texte philosophisch zu überformen und erneut auf die ästhetische Evidenz des Erzählens zu setzen. Damit folgt seine Schreibweise einer Tendenz der „Remimetisierung“, die für die Richtung postmodernen Schreibens kennzeichnend ist. Und diese Rekonstruktion ist ohne die vorangehende Infragestellung des Modells sprachlicher Repräsentation, ohne die Subversion der Kategorien von Subjekt, Autor und Werk nicht denkbar. Diese Subversion kennzeichnet bei Handke eine Wende zum neuen Schreiben. Die Wende bei ihm ist als die „Kehre“ im Sinne Heideggers anzusehen. Heideggers spätere philosophische Gedanken über „Sprache“ und sein Verhältnis zu „Welt und Ding“ in der heutigen technischen Zivilisationswelt entsprechen dem neuen Verhältnis Handkes zur Welt. Die beide vertreten die Auffassung von der Sprache, dass die (poetische) Sprache nicht allein dem Zweck der Kommunikation dient, sondern vielmehr dazu, die Welt zu vernehmen. Im Chinesen des Schmerzes erzählt der Erzähler über das Glück, wieder sprechen zu können. In diesem Erzählen kann das vergessene Sein in Rückbesinnung auf die Tradition und durch die Erinnerung an seine Lebensgeschichte wieder in die Sprache geholt werden. Und das Sprach-Ich hat die Rolle, „Ding und Welt“ in der Sprache einfach erscheinen zu lassen, wie sie sind. Dadurch kommt „das Wesen des Seins“ zur Sprache, ohne Begehren und Traum des Ichs.


Kurzfassung in Englisch

From the beginning, the stories of Peter Handke are continually about the linguistic problems of the linguistic-ego, which means ‘looking for the connection between the ego and the world. But only from his last work on Tetralogie the linguistic-ego of Handke succeeds in building a connection moment for moment. While the linguistic-ego in Die Angst des Tormanns beim Elfmeter is detached from its context and while a wonderful change in breaking through the limits of the ego is done in ‘The short letter for a long goodbye’, it is said in Die Lehre der Sainte-Victoire that a connection is possible. Handke separates the development of his writing, which is about the relation between the linguistic-ego and the world, in three different ways. The relation between the linguistic-ego and the world has no connection in the first and second way of the relation. The ego has no words in the reality, but is able to cry and moves back into an inside world full of wishes where the ego realizes a change which is done very short and seems to happen in a dream or in a different space. In the third relation the linguistic-ego is not quite anymore. Finally, the ego has not only a point of view from its subject-ego but looks from then on itself as a ‘being in the world’ and sees the world just itself. On this way it is able to tell about the world again. Die Lehre der Sainte-Victoire belongs to this phase in which Handke connects his autobiographic self-reflection with the reflection of poetry which can give philosophical reasons. The linguistic-ego tells not only about its existence on the world but also about the truth of the world as a creature of person, which means the human being and his relation to the world. As Heidegger says “being is saying”, Handke writes his poetry in his new relation to the world. The ego in Die Lehre der Sainte-Victoire tells about the creature of human being and the truth of existing. That means it is a ‘done story’ in which Handke tells his life not only as an artificial being but also as a human being. In the fourth phase something peaceful happens in the story. The other texts since Der Chinese des Schmerzes are explainable just as a try to tell another story in peaceful things develop on their own to an epos. In Der Chinese des Schmerzes you can not see real argument with the real world but the linguistic ego just expresses the world as it is. To get out of speechlessness the storyteller ties to reconstruct his relation to the world through ‘Fantasies of repeating’. Handke tries in these phases to form the texts philosophically and count on the aesthetic evidence of telling. With this follows a trend of his way of writing of the ‘Rememitisierung’ which is typical for the direction of modern writing. This reconstruction is without asking about linguistic representation and you can not imagine it without the subversion of the categories subject, writer and work. This subversion shows a new change of Handke in writing. The change can be understood as a turn similar to Heidegger. The later philosophical thoughts of Heidegger about ‘language’ and his relation to the world in today’s technical civilization belong to the try of Handke to write in his new relation to the world of the linguistic-ego. Both of them have the opinion that language of poetry is to be understood not as a way of communication but that in language the world and its creature can be seen. The ego speaking is separated then. The ‘Language is a house of being’. In Der Chinese des Schmerzes the storyteller tries to tell about luck to speak again and everything, not only what is present but also what is not present, comes to speech. The forgotten existence can be taken into the language again through looking back on tradition and memory to his life. The speaking ego has the role to let ‘thing and world’ be shown in language just like they are so that ‘the creature of being’ can come to speech and the dream can be expressed.


SWD-Schlagwörter: Handke, Peter / Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien , Handke, Peter / Der Chinese des S
Freie Schlagwörter (deutsch): Versuch über die Jukebox , Versuch über den geglückten Tag , Versuch über die Müdigkeit , In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus
Freie Schlagwörter (englisch): Handke , Heidegger , Poetology
Institut: Deutsches Sem. 2: Institut für Neuere Deutsche Literatur
Fakultät: Philologische Fakultät
DDC-Sachgruppe: Deutsche und verwandte Literaturen
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Renner, Rolf Günter (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 04.07.2002
Erstellungsjahr: 2002
Publikationsdatum: 11.05.2004
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