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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-13273
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/1327/


Thalemann, Susanne

Die Rolle geteilten Wissens beim netzbasierten kollaborativen Problemlösen

The role of shared knowledge in net-based collaborative problem solving

Dokument1.pdf (915 KB) (md5sum: 27780303e4f694c082f18e1fc195c8c2)

Kurzfassung in Deutsch

In vielen Domänen ergeben sich Probleme, die nur durch die Zusammenarbeit von Spezialisten mit unterschiedlichem Wissenshintergrund gelöst werden können. Zunehmend arbeiten dabei Personen an verschiedenen Orten zusammen, indem sie sich netzbasierter, computervermittelter Kommunikationsmedien bedienen. Diese Form der Kollaboration geht jedoch mit einer Reihe spezifischer Probleme einher. Ausgehend von der Frage, wie man netzbasiertes kollaboratives Problemlösen unterstützen kann, wurde geteiltes Wissen aus sozial- und kognitionspsychologischer Perspektive als wichtiger Faktor identifiziert. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, die angenommene positive Auswirkung geteilten Wissens für das netzbasierte kollaborative Problemlösen zu überprüfen.
Im ersten Teil des Literaturüberblicks werden theoretische Ansätze analysiert, die Aussagen über Wege und Bedingungen des Aufbaus geteilten Wissens machen. Berücksichtigt werden u. a. der "grounding"-Ansatz von Clark und Brennan (1991), Ansätze und Befunde zum netzbasierten kollaborativen Lernen sowie das Modell der kollektiven Intelligenz von Smith (1994). Als zentrale Ergebnisse des Literaturüberblicks lassen sich zwei Wege der Entstehung geteilten Wissens festhalten: direkte Interaktion und individuelle, aber ähnliche Lernerfahrungen. Ein weiteres Ergebnis ist, dass der Erwerb unter Bedingungen der netzbasierten Kommunikation erschwert ist. Bisher noch zu wenig untersucht ist der Aufbau falschen geteilten Wissens.
Der zweite Teil des Theorieüberblicks ist Ansätzen gewidmet, die stärker die Effekte geteilten Wissens in den Vordergrund rücken. Als solche werden die Theorie des "transactive memory" von Wegner (1987), der "shared mental models"-Ansatz (Cannon-Bowers, Salas and Converse, 1993), sowie das "collective information sampling" (Stasser, 1992) dargestellt. Den Schluss bilden Modelle, die sich aus einer umfassenderen Perspektive mit kollaborativem Problemlösen beschäftigen. Alle theoretischen Ansätze werden im Hinblick auf die vier Leitfragen nach Inhalten, Effekten, Erwerb und Ausmaß geteilten Wissens analysiert. Als zentrales Ergebnis lässt sich festhalten, dass geteiltes Wissen innerhalb der unterschiedlichen Perspektiven stets als wichtige Voraussetzung für effektives kollaboratives Problemlösen angesehen wird, wobei dies für den Bereich der netzbasierten Kollaboration noch zu wenig untersucht ist. Hinsichtlich der Inhalte konnte geteiltes Wissen in Fachwissen, Metawissen und eine geteilte Sprache differenziert werden. Diese Einteilung erwies sich aber vor allem für den Aspekt des Fachwissens als zu grob, es fehlt eine übergeordnete Systematik. Daher wurde eine solche entwickelt, die erstmalig Konzepte der Problemlöseforschung in der Tradition von Newell und Simon (1972) zur Differenzierung verschiedener Formen geteilten Wissens verwendet.
Ziel der experimentellen Untersuchung war es, die Effektivität der in der Literatur identifizierten Formen geteilten Wissens beim netzbasierten kollaborativen Problemlösen zu untersuchen und zu vergleichen. Zwei weitere Untersuchungsfragen galten den Auswirkungen auf Aspekte der netzbasierten Kommunikation und Koordination sowie dem Aufbau neuen geteilten Wissens. Dabei wurde geteiltes Wissen als eine Kombination aus geteiltem Fachwissen mit gemeinsamen Begriffen und Konzepten sowie geteiltem Metawissen konzeptualisiert. Zwei Probanden arbeiteten gemeinsam einen Entwurf für einen Online-Shop aus und kommunizierten dabei netzbasiert über ein Chat-Tool und ein gemeinsames Whiteboard. Dabei ließ sich das experimentell manipulierte Vorwissen eines Kooperationspartners als Wissen über Ausgangssituation und Ziele, und das des anderen als Wissen über Operatoren begreifen. Insgesamt wurden 32 Dyaden in 4 Versuchsbedingungen untersucht, in denen die Probanden zu Beginn der Kooperation in unterschiedlichem Maße über geteiltes Wissen verfügten. Die generelle Effektivität geteilten Wissens für das netzbasierte kollaborative Problemlösen konnte bestätigt werden. Allerdings erwies sich geteiltes Wissen über Ausgangssituation und Ziele als wesentlich effektiver als geteiltes Wissen über Operatoren. Dieser Befund wurde auf die unterschiedliche Struktur von Wissen über Ausgangssituation und Ziele einerseits und Wissen über Operatoren andererseits zurückgeführt, die Auswirkungen auf die Verständlichkeit, die Informationsintegration und das Inferieren von Metawissen über den Wissensstand des Partners hatten. Hinsichtlich der netzbasierten Kommunikation und Koordination war das geteilte Wissen jedoch nicht geeignet, Probleme deutlich zu reduzieren, was auf ein unzureichendes Ausmaß zurückzuführen war. In Bezug auf die dritte Untersuchungsfrage zeigte sich, dass die Kooperationspartner auch über das experimentell induzierte Wissen hinaus geteiltes Wissen erwarben, wobei der Anteil falschen geteilten Wissens sehr gering war.


Kurzfassung in Englisch

In many domains there are problems that can only be solved through the collaboration of specialists with different background knowledge. In recent years people have often collaborated across long distances using net-based, computer-mediated means of communication. However, this kind of collaboration poses a lot of problems. Beginning with the question of how to support net-based collaborative problem solving, shared knowledge is considered to be an important factor from the perspective of social and cognitive psychology. The aim of the present study is, therefore, to analyze the supposed positive effects of shared knowledge on net-based collaborative problem solving.
In the first part of the theoretical analysis, positions are analyzed that describe how shared knowledge is acquired. Among others, Clark and Brennan’s (1991) grounding theory, models of net-based collaborative learning, as well as Smith’s (1994) model of collective intelligence are included. In sum, two ways of acquiring shared knowledge can be distinguished: direct interaction and individual, but similar learning experiences. Furthermore, the acquisition of shared knowledge is more difficult via net-based media and not enough attention has been paid to the development of false shared knowledge.
The second theoretical part concentrates on models that focus more on the effects of shared knowledge. As such, Wegner’s (1987) transactive memory model, shared mental models theory (Cannon-Bowers, Salas & Converse, 1993), Stasser’s (1992) collective information sampling model as well as models dealing with collaborative problem solving from a broader perspective are discussed. All theoretical positions are analyzed referring to four basic questions concerning the content, the effects, the acquisition and the amount of shared knowledge. In summary, shared knowledge is mostly considered to be an effective prerequisite for collaborative problem solving, but studies focusing on net-based collaboration are still rare. Concerning the content, different forms of shared knowledge can be distinguished: shared specialised knowledge, shared meta-knowledge and shared vocabulary. Especially in the case of shared specialised knowledge, this classification seems to be too rough, so that a classification referring to Newell and Simon’s (1972) problem solving theory is developed.
The aim of the experiment is to analyse and evaluate the effectiveness of the different forms of shared knowledge. Two more questions concern the effects of shared knowledge on aspects of net-based communication and coordination, as well as the acquisition of new shared knowledge. In the experiment shared knowledge is conceptualized as a combination of shared specialised knowledge with shared vocabulary and shared meta-knowledge. Two participants should develop an online shop while communicating via a chat tool and a common whiteboard. The manipulated prior knowledge of one participant contains knowledge about the initial situation and goals (IS+G) of the company, whereas operators (O) characterise the prior knowledge of the second participant. 32 dyads are analysed in 4 experimental conditions that differ in the amount of shared knowledge. Consequently, the effectiveness of shared knowledge could be demonstrated, but this effect seems mostly to be due to shared knowledge about IS+G. This result is due to structural differences in knowledge about IS+G and O, which affect comprehensibility, ease of information integration and inference of meta-knowledge. Concerning net-based communication and coordination, shared knowledge did not reduce problems because even in conditions with shared knowledge it was still insufficient. Regarding the last question, results showed that the cooperating partners acquired new shared knowledge with only a few false concepts.


SWD-Schlagwörter: Problemlösen , Computerunterstützte Kommunikation , Computer Supported Cooperative Work
Freie Schlagwörter (deutsch): Geteiltes Wissen , kollaboratives Problemlösen , soziale Kognition
Freie Schlagwörter (englisch): shared knowledge , collaborative problem solving , computer-mediated communication , social cognition
Institut: Institut für Informatik und Gesellschaft
Fakultät: Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftliche Fakultät
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Strube, Gerhard (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 30.01.2004
Erstellungsjahr: 2003
Publikationsdatum: 08.06.2004
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