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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-17120
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/1712/


Vogel, Elisabeth

"Die Frauen erleuchteten Russland" : zur Wechselwirkung der Kategorien Gender und Nation in Erzählungen Nikolaj M. Karamzins (1766-1826) und Anna P. Buninas (1774-1829)

"Women illuminated Russia" : the interrelations of the categories of gender and nation in texts by Nikolaj M. Karamzin (1766-1826) and Anna P. Bunina (1774-1829)

Dokument1.pdf (1.702 KB) (md5sum: d73222f3944ed48a0ba0ccc53f1eb001)

Kurzfassung in Deutsch

Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit um 1800 in Diskursen der russischen Literatur zu beschreiben sind und wie diese Konzepte auf allegorischer Ebene für die gesellschaftlichen und politischen Transformationen der Jahrhundertwende funktionalisiert werden. Von Interesse ist hierbei, in welchem Ausmaß die politisch und sozial hochaufgeladenen westeuropäischen Diskurse der Empfindsamkeit diese Konstruktionen mitformen und welche spezifischen Ausprägungen sie in der russischen Kultur an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erfahren. Es wird dargestellt, über welche Prozesse in der Literatur dieses Zeitraums – verflochten mit sprachphilosophischen, literaturästhetischen, bildungspolitischen, historiographischen und publizistischen Diskursen – Charaktere und Figuren entwickelt werden, die später für idealtypische „russische“ Protagonistinnen und Protagonisten in Werken der russischen Romantik und des russischen Realismus modellgebend werden.
Im Kapitel "Repräsentation von Männlichkeit und Weiblichkeit im kulturellen Kontext" werden jene diskursanalytischen und kulturwissenschaftlichen Modelle und Methoden erörtert, die den Textanalysen zugrunde gelegt werden. Ziel des Abschnitts "Die Reformen des 18. Jahrhunderts in ihrer Bildlichkeit" ist es, Reformen in der Bildungspolitik, Familienentwicklung, Alltags-, und insbesondere der Ballkultur, Sprachphilosophie und Literatur- beziehungsweise Kunsttheorie unter Einfluß westeuropäischer Strömungen zu zeigen, die den Raum um 1800 semantisch vorstrukturieren. Diese Entwicklungen werden von den Zeitgenossen selbst als „Reformen im Zeichen des Weiblichen“ gesehen.
Im Kapitel "Diskurse der Empfindsamkeit" werden die Diskurse der westeuropäischen empfindsamen Strömungen sowie ihre Rezeption in Rußland beschrieben. Die Empfindsamkeit bietet in einer Zeit der sozialen und machtpolitischen Transformationen für ein sich etablierendes Bürgertum Orientierung auf dem Weg in die Öffentlichkeit und in die sich formierenden Nationalstaaten. Den sich in diesem Zeitraum herausbildenden Geschlechterkonstruktionen kommt innerhalb dieser Orientierung eine zentrale Bedeutung zu.
In Rußland werden weitgehend unverändert genau jene bürgerlichen Diskurse und somit das „Andere“ rezipiert. Zugleich richtet sich der Blick in die russische Vergangenheit, wobei dieses Interesse an der „eigenen“ Geschichte im Zusammenhang mit gesamteuropäischen Strömungen zu sehen ist. Diese scheinbar gegenläufigen Bewegungen ergeben in ihrem Zusammenspiel interessante Wechselwirkungen und werden insbesondere über Bilder des Weiblichen/Männlichen und des Nationalen verhandelt, wie am Beispiel von Texten von Nikolaj Karamzin und Anna Petrovna Bunina diskutiert wird.
Karamzin symbolisiert als herausragender Literat und Publizist zentrale Normen der Zeit.
Seine literarischen und historiographischen Texte werden als erste russische historische Erzählungen überhaupt gefeiert, seine Charaktere explizit als genuin „russische“ gelobt. Eine Analyse sowohl seines publizistischen, erzählenden als auch historiographischen Werks unter der Fragestellung, welche Bedeutung die Kategorie Geschlecht für seine Bilder des Russischen einnimmt, wird im Kapitel "Nikolaj Karamzins Konstruktionen einer 'russischen' Identität" vorgenommen.
In Analogie hierzu ist zu überlegen, ob das Thema des „Nationalen“ für eine Frau in jener Zeit ebenfalls für ihre gesellschaftliche und künstlerische Anerkennung eine Rolle spielte und wie sie es einsetzte. Dieser Frage wird im Kapitel "Anna Petrovna Buninas 'schielender' Blick auf die Diskurse ihrer Zeit" nachgegangen. Die heute weitgehend vergessenen Texte der zu ihrer Zeit gefeierten Anna Bunina symbolisieren im Gegensatz zu Karamzin den ausgegrenzten Teil der Jahrhundertwende.


Kurzfassung in Englisch

The dissertation investigates the interrelations of the categories of “gender” and “nation” in texts by Nikolaj Karamzin and Anna Bunina. It discusses the images of the female and the male body that are presented in their work, and examines in particular whether these images and models serve, on an allegorical level, as a medium through which ideas/conceptions of “nationhood” /the “nation” are created/ constructed and presented. For a better understanding of developments in Russia, the research takes into consideration the general intellectual trends in Europe around 1800 and describes how they influenced the Russian intellectual sphere, and thus changed the Russian (literary) context. A close analysis of the works of Nikolaj Karamzin (his historiographical and literary writings as well as his journalism) and two stories by Anna Bunina offers an insight into the patriarchal structure of the Russian literary world and demonstrates beyond doubt that the success of a writer depended on the extent to which his or her literary protagonists contributed to the emergence of a Russian national identity.


SWD-Schlagwörter: Geschlechterforschung , Empfindsamkeit , Klassizismus / Geschichte 1770-1795 , Nationalbewusstsein , Geschichtsschreibung , Russisch / Literatur
Freie Schlagwörter (englisch): gender studies , the age of sentimentalism , the age of classicism , national consciousness , historiography , Russian literature around 1800
Institut: Slavisches Seminar
Fakultät: Philologische Fakultät
DDC-Sachgruppe: Literatur in anderen Sprachen
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Cheauré, Elisabeth (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 18.12.2003
Erstellungsjahr: 2004
Publikationsdatum: 15.04.2005
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