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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-20299
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2029/


Mölbert, Angelika

Alt werden in der zweiten Heimat : ethnologische Alternsforschung und ihre praktische Anwendung bei türkisch-deutschen Gruppen

Getting old in the second home country . ethnological old-age research and its practical application to turkish-german groups

Dokument1.pdf (1.809 KB) (md5sum: 76f6593e7a676d4cf0dd5d3d7ebb8837)

Kurzfassung in Deutsch

Die Dissertation "Alt werden in der zweiten Heimat" entstand auf der Basis einer ethnologischen Feldforschung bei Migrantengruppen türkischer Herkunft in Freiburg. Die Untersuchung ging den Fragen nach, welche besondere Lebenssituation diese Menschen verbindet, welche Formen kultureller Identitäten sich in der "Diaspora" entwickeln und welche Auswirkungen diese Prozesse auf das Altersbild und Alternserleben der Betroffenen haben. Bezogen auf ihre Integration in die Gesellschaft wurde auch ihre Rezeption in der Aufnahmegesellschaft untersucht.
Nach Abschluss der Erhebungsphase wurden an Hand der Forschungsergebnisse gemeinsam mit den Betroffenen und Einrichtungen der Altenhilfe Methoden und Strategien entwickelt, welche die Integration älterer Migranten in die Regelangebote der Altenhilfe und Pflegedienste verbessert.

Ausgehend vom Wissenschaftsstand in den Nachbardisziplinen Soziale Gerontologie, Migrationsforschung, Soziologie, Pflegewissenschaften und Ethnologie setzt die vorliegende Studie an den Annahmen und Hypothesen über die Beziehung zwischen Alter(n) und Ethnizität und am defizitorientierten Ansatz der Sozial- und Pflegewissenschaften an und stellt diesem Ansatz einen dynamischen Ethnizitätsbegriff gegenüber, der Wechselwirkungsprozesse von individuellen und kollektiven Identitäten in den Vordergrund stellt. Mit der Betrachtung von Ethnizität als Prozess und der Entwicklung kultureller Identitäten im Kontext sozialer Prozesse ist es ein Anliegen dieser Arbeit, einen Kontrapunkt zu einseitig kollektivistischen und kulturalisierenden Darstellungen zum Thema "Alter und Migration" zu setzen.

Methodisch orientierte sich die Feldforschung an den Ansätzen und Modellen der angewandten Ethnologie. Mit einem Methodenmix aus ethnologischer Feldforschung und weiteren qualitativen und quantitativen Erhebungsinstrumenten, kombiniert mit reflexiven und selbstreflexiven Analysemethoden, lag der Fokus auf der Untersuchung individueller, biographischer und situativer Persönlichkeitsbilder gegenüber kollektiven, gruppenspezifischen Identitätsmustern. Eine solche Analyse sollte es möglich machen, individuelle Selbstverortungen und Hybridisierungen ebenso wie kollektive Haltungen und Hybridisierungsmuster zu erkennen und aus beiden Perspektiven das Erleben und den Umgang mit dem Alter(n) im interkulturellen Kontext zu beschreiben.

Die Untersuchung hat gezeigt, dass für die Ausprägung individueller wie auch kollektiver Identitäten die subjektiv erlebte Einbettung in verschiedene sozialen Bezugssysteme ausschlaggebend ist. Als Bezugssysteme kristallisierten sich verschiedene Teilgesellschaften heraus, die von der Kernfamilie der Untersuchungspersonen und der Wir-Gruppe in der Diaspora über das lokale Umfeld bis hin zur Herkunftsgesellschaft reichen. Alle diese Bezugssysteme nehmen Einfluss auf die persönlichen und kollektiven Identitätsbildungen und stehen in einem ständigen Wechselwirkungsprozess zueinander. Die Akteure sind dabei keineswegs nur passive "Opfer" außen gesteuerter Prozesse oder sozialer Automatismen. Sie sind aktiv Handelnde, die ihre Identitäten erarbeiten und sich ständig neu definieren. Dies gilt sowohl für den Einzelnen wie für das Kollektiv.

Individuelle Selbstverortungen und kollektive Identitäten werden in der Interaktion mit der direkten Umwelt und der Vorstellung davon, beispielsweise in Bezug auf die transnationale Lebenswelt, entwickelt. Dabei sind subjektiv erlebte Ein- bzw. Ausgrenzungen ebenso wie objektiv fassbare In- und Exklusionen ausschlaggebend für die Selbstverortung. Sie beeinflussen maßgeblich die Lebensqualität der Betroffenen in allen Lebensbereichen und Lebenszeiten und prägen damit auch das Alternserleben. Aus der Sicht der Betroffenen wird eine positiv erlebte Selbstverortung und "gutes Altern" als subjektives Gefühl beschrieben, in einem sozialen Umfeld als Persönlichkeit und als Mitglied bestimmter Teilgruppen angenommen und aufgehoben zu sein. Genauso wichtig ist dabei das objektive Wissen, an einem übergeordneten Gesellschaftsgebilde teilzuhaben, in dem die persönliche Freiheit, Integrität und Würde gesetzlich gewahrt und geschützt sind.

Neben der Untersuchung der Lebenssituation älterer Migranten war auch die Rezeption dieser Thematik bei den Vertretern der institutionalisierten Altenhilfe und -pflege Gegenstand dieser Studie. Hierbei war festzustellen, dass ältere Migranten bisher kaum als Klientel wahrgenommen wurden. Allerdings zeigten alle Experten im Gespräch Offenheit und Bereitschaft, sich mit der Thematik zu beschäftigen und auch einen öffentlichen Diskurs zu unterstützen.
Damit war bereits in der Erhebungsphase eine Basis für die praktische Umsetzung der Forschungsergebnisse gelegt worden. Sie ermöglichte den Eintritt in den Dialog und hat damit zur Sensibilisierung aller Betroffenen für dieses Thema und zur Förderung des Empowerments der Untersuchungsgruppe beigetragen.


Kurzfassung in Englisch

The doctoral thesis "getting old in the second home country" is based on an ethnological field research on groups of migrants of turkish origin in Freiburg. The aim of the research was to examine, which particular living experiences connect these people, what kinds of cultural identities evolve in "diaspora" and what are the effects of these processes on the image and feeling of ageing for the people concerned. Another focus was the integration of old-aged migrants into integrating society. In this respect it was examined, how the host society experiences old-aged migrants.
When all the data were collected, the results of this research were used to develop methods and strategies together with the people concerned as well as institutions and organizations for old-age assistance, to improve services of old-age assistance and nursing according to the special needs of senior migrants.


SWD-Schlagwörter: Altern in der Migration , Soziale Integration , Kulturelle Identität , Völkerkunde , Ethnizität
Freie Schlagwörter (deutsch): Ethnologische Feldforschung , Angewandte Ethnologie , Türken in Deutschland , Hybridisierung
Freie Schlagwörter (englisch): Applied Anthropology , Cultural Study , Age and Migration , Cultural Identity , Ethnicity
Institut: Institut für Völkerkunde
Fakultät: Philosophische Fakultät
DDC-Sachgruppe: Bräuche, Etikette, Folklore
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Dürr, Eveline (Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 31.01.2005
Erstellungsjahr: 2005
Publikationsdatum: 20.09.2005
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