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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-22676
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2267/


Wenzler-Cremer, Hildegard

Bikulturelle Sozialisation als Herausforderung und Chance : eine qualitative Studie über Identitätskonstruktionen und Lebensentwürfe am Beispiel junger deutsch-indonesischer Frauen

Chances and challenges of bicultural socialization : a qualitative study on identity constructions of young German-Indonesian women

Dokument1.pdf (1.764 KB) (md5sum: 8e3123b2e75906f8a72e3fef7123cef1)

Kurzfassung in Deutsch

Angesichts zunehmender Mobilität steigt die Zahl der Menschen, die in bikulturellen Familien aufwachsen. Dort gehört das Zusammentreffen von zwei Kulturen zum privaten Leben. In dieser Studie wird am Beispiel von jungen deutsch-indonesischen Frauen das Phänomen der bikulturellen Sozialisation aus der Perspektive der Betroffenen untersucht.
21 junge Frauen zwischen 16 und 26 Jahren aus deutsch-indonesischen Familien wurden interviewt. Dabei wurden zwei Gruppen unterschieden: Die Interviewpartnerinnen, die in Deutschland mit einer indonesischen Mutter aufgewachsen sind, und eine zweite Gruppe, die mit einer deutschen Mutter in Indonesien ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. Das methodische Rahmenkonzept der Arbeit ist die "Grounded Theory" die mit einer textanalytischen Auswertung von Interviewpassagen, (nach Lucius-Hoene/Deppermann) verknüpft wird. Im Sinne der rekonstruktiven Sozialforschung ist es das Ziel, die Sinnstrukturen, wie sie sich in den Interviews zeigen, und damit die subjektive Sicht der Untersuchungspartnerinnen zu verstehen. Auch die Fragen der Standortgebundenheit der Forscherin sowie der Kulturgebundenheit autobiografischen Erzählens werden reflektiert. Die Ergebnisse werden fallübergreifend dargestellt und in mehreren Abstraktionsschritten in einer Typologie verdichtet.
Nach einer Darstellung der Lebenwelten und der Repräsentation der beiden Kulturen in der sozialen Wirklichkeit (Aufbau von Gegenstandsbezügen, Sprache, Erziehungsverhalten der Eltern, Wahrnehmung kultureller Differenz) der Interviewpartnerinnen, werden fünf Strategien herausgearbeitet, die bikulturelle Situation zu gestalten: Normalisierung und Distinguierung, Anpassung und Abgrenzung sowie mehrere Varianten der Strategie der Integration, bei der das Ausmaß des Einflusses der beiden Kulturen stark variiert.
Um empirische Regelmäßigkeiten und Sinnstrukturen aufzuzeigen, werden die Interviewpartnerinnen vier Typen zugeordnet, die sich hinsichtlich zweier Dimensionen unterscheiden: (a) der Nutzung der Ressource Bikulturalität und (b) dem Zugehörigkeitsgefühl zu einer Kultur. Obwohl die Strategien weitgehend kontextabhängig sind und in unterschiedlichem Ausmaß von nahezu allen Interviewpartnerinnen genutzt werden, lassen sich Muster in der Nutzung der Strategien durch die verschiedenen Typen erkennen.
Die VERWURZELTE lebt dauerhaft in einer Kultur und hat daher ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit zu dieser. Die Ressource der Bikulturalität tritt dabei in den Hintergrund.
Die PENDLERIN kann sich ohne Probleme in zwei Kulturen bewegen, beide stehen ihr als Optionen zur Verfügung. Dies kann jedoch mit dem Gefühl fehlender Zugehörigkeit verbunden sein.
Die SAMMLERIN wählt bewußt aus den Vorteilen der beiden Kulturen aus. Sie setzt sich jeweils mit der Kultur, in der sie nicht lebt, intensiv auseinander und ist in der Lage, in beiden Kulturen zu leben.
Die HEIMATLOSE ist in keiner der beiden Kulturen verwurzelt und kann daher die Ressourcen der Bikulturalität nicht nutzen.
Diese verallgemeinernde Typenbildung kann als Hypothese auch für die Untersuchung anderer bikultureller Gruppen (z.B. Menschen mit Migrationshintergrund) genutzt werden.
Die jungen Frauen erleben die bikulturelle Situation weder als besondere Belastung noch als Privileg. Vielmehr stellen sie sich den spezifischen Anforderungen und setzen ihre Strategien zur Gestaltung der bikulturellen Situation flexibel ein. Viele Interviewpartnerinnen wissen die Ressource Bikulturalität zur Konstitution einer "kreolischen" Identität zu nutzen.
Die empirischen Ergebnisse werden der Theorie der sozialen Identität (Tajfel/Turner) gegenübergestellt, da Fragen der Selbst- und Fremdkategorisierung hinsichtlich der kulturellen Zugehörigkeit eine zentrale Bedeutung in den Interviews haben. Besonders die Rekategorisierung, also der Wunsch, eine neue Kategorie für die Gruppe der bikulturell Sozialisierten zu schaffen, stimmt mit Erkenntissen der Theorie überein. Es zeigte sich jedoch, dass das Zusammenspiel von Fremdkategorisierung und Selbstkategorisierung in der Theorie der sozialen Identität nicht ausreichend berücksichtigt wird.


Kurzfassung in Englisch

The number of people who grow up in families from two different cultures has risen with increasing mobility and globalisation.This study explores how a sample of young women from Indonesian-German families cope with the challenges they face during their bi-cultural socialisation process. Semi-structured interviews were conducted with 21 young German-Indonesian women. They were divided into two groups: those who grew up with an Indonesian mother in Germany and those who were raised in Indonesia by a German mother. The main goal of the qualitative-reconstructive social research is to understand the meaning structures shown in the interviews. The methodological background to this work are the concepts of Grounded Theory and the Textanalysis (Lucius-Hoene/Deppermann).
The point of view of the researcher and the cultural priming of autobiographical narratives are also reflected. The results are not presented case by case, but in a theme-oriented way.
The following leading questions are developed during the research process: How are the life worlds (Lebenswelt) in which the women live described in the interviews? Which images of the two cultures can be found in the narratives? What stategies do they employ to cope with the bicultural situation? How do they construct their identity?
In the end four different types evolve which display empirical regularity and meaningful relationships:
The rooted person: those who are at home in one culture. The collector: those who choose the best for themselves from each culture. The commuter: those who are able to commute between both cultures. The homeless person: those who are not at home in either culture.
Each type uses their resources of biculturality differently and they differ in the feeling of belonging to one or both cultures. This type construction can be generalized and used to describe other people living in a bicultural situation (such as migrants).
These young women experience their bicultural situation neither as a burden nor as a privilege. They face the challenges of this special situation and use their stategies to cope with the bicultural situation in a flexible way. Many of the young women interviewed use their biculturality to constitute a creolic identity.


SWD-Schlagwörter: Indonesien , Identitätsentwicklung , Soziale Identität , Sozialisation , Qualitative Sozialforschung , Weibliche Heranwachsende
Freie Schlagwörter (deutsch): Bikulturalität , Themenzentriertes Interview
Freie Schlagwörter (englisch): social identity , identity construction , bicultural socialisation, Indonesia , qualitative research
Institut: Institut für Psychologie
Fakultät: Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftliche Fakultät
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Charlton, Michael (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 19.07.2005
Erstellungsjahr: 2005
Publikationsdatum: 04.01.2006
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