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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-28453
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2845/


Grüwell, Georg

Lebenspartner von Demenzpatienten als Co-Therapeuten

Life companions of dementia patients as co-therapists

Dokument1.pdf (2.848 KB) (md5sum: ba004c55622469e07dd43794124825ef)

Kurzfassung in Deutsch

Wenn Angehörige von Alzheimer-Patienten als Co-Therapeuten tätig werden bedeutet dies, dass sie unter professioneller Anleitung therapeutisch am Patienten handeln. Studien zeigen, dass Angehörige in der Lage sind, Interventionen effektiv umzusetzen; darüber hinaus können sie selbst von ihrer Tätigkeit profitieren. Es werden jedoch auch kritische Erfahrungen berichtet. Ziele der vorliegenden Arbeit waren: 1. Entwicklung einer Intervention, die es Angehörigen erlaubt, Übungen im kognitiven sowie im körperlichen Bereich mit den demenzbetroffenen Patienten durchzuführen. 2. Einsatz dieser Intervention mit dem Ziel zu explorieren, in welcher Weise Patienten und Angehörige von einer solchen Intervention profitieren können und welche Bedingungen und Prozesse hierfür eine Rolle spielen.
Die Intervention erstreckte sich über rund sechs Monate, sie wurde für Patienten mit einem MMS-Wert von 18/30 oder darüber sowie deren Angehörige entwickelt. Programmkomponenten waren: 1. Eine Demenzberatung des Angehörigen. 2. Die Anleitung des Angehörigen zur co-therapeutischen Tätigkeit in sechs Einzelgesprächen. 3. Die Durchführung der Übungen zuhause durch den Angehörigen mit dem Patienten an drei Tagen pro Woche für 30-60 Minuten.
Für die Studie wurde eine qualitative Forschungsstrategie gewählt: Ausführliche qualitative Einzelfallanalysen wurden durch Daten aus Tests und Fragebogen (Belastung, Depression, subjektiven Partnerschaftsqualität des Betreuers; Depression, kognitives Funktionsniveau und Alltagsfunktionen des Patienten) ergänzt.
15 von der Alzheimerkrankheit betroffene Patienten und ihre Partner nahmen teil. Der durchschnittliche MMS-Wert der Patienten betrug 23,7 Punkten (Range 18-29), das Alter der Patienten war im Mittel 71,1 Jahre (Range 48-82) und die Zeit seit Diagnose betrug im Durchschnitt 1,3 Jahre (Range 0-5,4 Jahre). 12 Paare beendeten die Teilnahme regulär, drei brachen vorzeitig ab.
Die Analysen zeigten, dass für die Partner mit der Intervention sowohl Gewinne als auch Belastungen verbunden waren. Beispiele für Gewinne und Belastungen des Betreuers: Erleben innerer Befriedigung, selbst etwas Gutes für den Partner tun zu können; Erleben von Enttäuschung. Beispiele für Gewinne und Belastungen des Patienten: Erleben von Erfolg und Selbstwert; Erleben von Unlust und Sinnlosigkeit. Beispiele für Gewinne und Belastungen des Paares: Intensivierung von Interaktion und Kontakt; vermehrte Konflikte.
Gewinne und Belastungen entstanden im Rahmen der Zusammenarbeit von Betreuer und Anleiter sowie im Rahmen des gemeinsamen Übens von Betreuer und Patient. Dies geschah vor dem Hintergrund dreier Gruppen von Bedingungsvariablen: die Gegebenheiten der Paare (z.B. das kognitive Niveau des Patienten, Persönlichkeit und Interessen von Betreuer und Patient), die innerhalb des Interventionszeitraums auftretenden intervenierenden Bedingungen (z.B. Veränderungen des Gesundheitszustands des Betreuer) sowie die konkreten Vorgaben der Intervention (v.a. die verschiedenen Übungen). Die verschiedenen Variablen wurden in einem Modell zusammengefasst.
In Verlauf kam es bei einigen Paaren zu Krisen, in drei Fällen wurde die Intervention abgebrochen. Bei einigen Paaren zeigten sich negative Veränderungen. Viele Paare zogen eine positive Bilanz. Ein Modell der Balance und Dysbalance wurde entwickelt, welches erlaubt, die unterschiedlichen Verläufe besser zu verstehen und das dynamische Gefüge von Gewinnen und Belastungen des Patienten, Gewinnen des Betreuers, Belastungen des Betreuers innerhalb und ausserhalb der Intervention sowie Ressourcen des Betreuers zu überblicken. Zentral in diesem Gefüge sind die Reflexionen des Betreuers, die dazu führen, dass er Belastungen und Gewinne des Patienten als Belastungen und Gewinne für sich selbst erlebt.
Die Erfolgsbeurteilung der teilnehmenden Paaren erfolgte auf der Grundlage zweier Kriterien: 1. Auftreten subjektiv bedeutsamer Gewinne. 2. Auftreten übermässiger Belastungen unter Berücksichtigung der Bedingungen solcher Belastungen. Mehrere Konstellationen wurden beobachtet: voller Erfolg (5 Paare); Teilerfolg aufgrund von ungünstigen Gegebenheiten (1 Paar); Teilerfolg aufgrund von intervenierenden Bedingungen (1 Paar); Teilerfolg aufgrund einer Kombination oder Interaktion von intervenierenden Bedingungen und ungünstigen Gegebenheiten (5 Paare); Misserfolg aufgrund von ungünstigen Gegebenheiten (3 Paare).
Zusammenfassend konnte ein breites Spektrum von Gewinnen und Belastungen beschrieben sowie das Verständnis für die Entstehungszusammenhänge vertieft werden. Das zusammenfassende Modell der Gewinne und Belastungen sowie das Modell der Balance und Dysbalance können hilfreiche Instrumente für den klinischen Anwender dieser oder ähnlicher Intervention sein.


Kurzfassung in Englisch

Alzheimer’s disease affects both an individual and his/her social environment. Various non-pharmacological interventions have been developed to help patients and caregivers live with the disease, other interventions focus on maintaining the cognitive abilities of the patient. When caregivers become co-therapists, they are trained how to conduct therapeutic interventions with patients. Studies showed that caregivers are able to apply the interventions effectively and that they may themselves benefit from this task. Critics point out that there is a high risk for negative effects. The goals of this dissertation were: 1. to develop an intervention program enabling caregivers to conduct cognitively and physically stimulating exercises to optimize Alzheimer patients’ daily cognitive and physical levels of stimulation. 2. to administer the intervention to a group of affected couples and to explore whether and how they benefit from the intervention and to identify the crucial conditions in the intervention.
The intervention was designed for patients with a Mini Mental State Examination (MMSE) score of 18 or higher and lasted for six months. It consisted of three parts: 1. General counselling of the caregiver about dementia. 2. Caregiver training for co-therapeutic work in six monthly sessions. 3. Administration of exercises to the patient by the caregiver at home with three practice sessions during a week each lasting 30 to 60 minutes.
Data collection and analyses were mainly qualitative, additional quantitative data were collected from tests and questionnaires (caregiver: burden, depression, marital relation; patient: cognition, activities of daily living) and included in the analyses.
Fifteen couples participated. The average MMSE score of the patients was 23.7 points (range 18-29), the average age of the patients was 71.1 years (range 48-82), and average time since diagnosis was 1.3 years (range 0-5.4). Twelve couples finished the program, and three dropped out.
Analyses showed that the participants had both positive and negative experiences (“Gewinne” and “Belastungen”) during the intervention. For example the caregiver experienced satisfaction from doing something good for the patient as well as disappointment and shock. The patient experienced e.g. success and self-esteem as well as reluctance and meaninglessness. Together, the couples experienced moments of close interaction, contact, and communication but also conflicts and arguments. Positive and negative phenomena were experienced during activities conducted in two dyads: (1) caregiver and patient and (2) caregiver and (professional) advisor. Three different groups of variables were found to be relevant to the intervention process and its outcome: baseline characteristics of the couples (e.g. level of patient cognitive functioning; caregiver personality), intervening conditions (e.g. changes in caregiver health status), and characteristics of the intervention (e.g. different types of exercises). All aspects were summarized in a model of conditions, aspects of intervention, and outcomes.
A second model focuses on caregiver behaviors and feelings during the intervention (e.g. practicing constantly vs. pausing) and tries to understand these as a consequence of how he/she evaluates the whole intervention and its context in a given moment. Six different groups of variables (patient positive and negative experiences; caregiver positive experiences; caregiver negative experiences within the intervention context, and caregiver burden outside the intervention context; caregiver resources) need to be in a balance to ensure that the intervention is continued in the way it is done at the moment. An imbalance can lead to behaviors that aim at restoring a balance but these are not necessarily successful.
The success of participating couples was judged by two criteria: 1. Occurrence of subjectively meaningful positive experiences. 2. Occurrence of significant negative phenomena with regard to the reasons of the occurrence. Five different combinations were observed: full success (5 couples); partial success due to unfavourable conditions on the part of the couple (1 couple); partial success due to intervening conditions (1 couple); partial success due to an interaction of unfavourable conditions on the part of the couple and intervening conditions (3 couples); no success due to unfavourable conditions on the part of the couple (3 couples).
Taken together this study provides a novel description of the positive and negative phenomena associated with training life-companions of dementia patients as co-therapists, and a deeper understanding of how these outcomes come about. The described models may aid clinicians who apply this or similar interventions.


SWD-Schlagwörter: Rehabilitationspsychologie , Alzheimer-Krankheit , Demenz , Qualitative Methode , Qualitative Sozialforschung , Neuropsychologie
Freie Schlagwörter (deutsch): Co-Therapie , kognitives Training , Angehörigenarbeit , psychologische Beratung
Freie Schlagwörter (englisch): co-therapy , qualitative research , Alzheimer's disease , cognitive training , caregiver
Institut: Institut für Psychologie
Fakultät: Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftliche Fakultät
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Lucius-Hoene, Gabriele (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 27.09.2006
Erstellungsjahr: 2006
Publikationsdatum: 25.01.2007
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