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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-29361
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2936/


Wagner, Eva-Maria

Untersuchungen zu Lesbarkeit und Aussagekraft von Pflanzendarstellungen in mittelalterlichen Kräuterbuchhandschriften am Beispiel des Codex latinus monacensis 28531

Legibility and informative potential of plant illustrations in medieval herbals: a case study of Codex latinus monacensis 28531

Dokument1.pdf (61.388 KB) (md5sum: 4975299f10a97f8d56b0d9282b649f68)

Kurzfassung in Deutsch

Die Kräuterbuchhandschrift Codex latinus monacensis (Clm) 28531 der Bayerischen Staatsbibliothek München ist in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts in Oberitalien entstanden. Sie enthält rund 600 Kapitel über pflanzliche, tierische und mineralische Heilmittel, die zum größten Teil illustriert sind.
Die Untersuchung von Lesbarkeit und Aussagekraft der Pflanzendarstellungen des Clm 28531 bezieht sich zum einen auf die Identifizierbarkeit der Pflanzenbilder, zum anderen auf eventuell durch das Bild vermittelte Informationen über die betreffende Pflanze.
Illustrierte Kräuterbuchhandschriften sind von der Spätantike bis zum Ende des Mittelalters erhalten. In dieser Zeit war das Pflanzenbild ständigen Wandlungen unterworfen. Das Pflanzenbild der Spätantike ist erhalten in den Illustrationen des Juliana-Anicia-Codex (Cod. vind. med. gr. 1, Österreichische Nationalbibliothek, Wien), einer byzantinischen Handschrift von 512. Die Illustrationen zeichnen sich durch große Realitätsnähe bei gleichzeitiger didaktischer Klarheit aus. In den darauffolgenden Jahrhunderten entfernte sich das Pflanzenbild von der realistischen Darstellungsweise. Ein verändertes Stilempfinden und die Gewohnheit, vorhandene Abbildungen ohne Abgleich mit dem natürlichen Vorbild immer wieder zu kopieren, ließ stark vereinfachte und schematisierte Pflanzenbilder entstehen.
Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts kam es, ausgehend von der aus der Medizinschule von Salerno hervorgegangenen Drogenkunde De simplici medicina (Circa instans) zu einer erneuerten Pflanzendarstellung, die das natürliche Vorbild wieder stärker berücksichtigte. Die auf dem Text des Circa instans basierenden illustrierten Handschriften werden unter dem Titel Tractatus de herbis zusammengefasst. Ältestes erhaltenes Exemplar einer Tractatus de herbis-Handschrift ist das im frühen 14. Jahrhundert entstandene Manuskript Egerton 747 (British Library, London). Die Abbildungen dieser Handschrift erfassen botanische Besonderheiten im Gesamtbau und im Detail und erlauben eine Identifizierung der Pflanze. Bilder dieser Art können als Diagramme bezeichnet werden, die eine Pflanzenart aufgrund einer einfachen, schematischen Darstellung kennzeichnen.
Der Clm 28531 lässt sich aufgrund des übereinstimmenden Abbildungsrepertoires einer Gruppe illustrierter Handschriften der Tractatus de herbis-Tradition anschließen, die mittelbar auf das Ms. Eg. 747 zurückzuführen sind. Gegenüber seinen Vorgängern weist der Clm 28531 keinerlei Neuerungen auf.
Die Pflanzenillustrationen des Clm 28531 sind identifizierbar und können wie im Fall des Eg. 747 als Diagramme bezeichnet werden. Detailgenaue Bilder, ein umfangreicher Text und zahlreiche Nachträge weisen den Clm 28531 als Gebrauchshandschrift für einen pflanzenkundigen Benutzer aus.
Angaben des Textes zum Standort einer Heilpflanze wurden in 4 Fällen bildlich umgesetzt. Figürliche Ergänzungen zum Pflanzenbild, die sich auf Heilwirkungen beziehen, konnten ebenfalls in 4 Fällen nachgewiesen werden. Die Darstellung einer Legende um Ernte und Gewinnung eines pflanzlichen Produktes liegt in 2 Kapiteln vor. Elemente einer zauberisch-magischen Heilkunde, die durch Textübernahmen aus dem Herbarius des Pseudo-Apuleius in die ansonsten nüchtern-realistisch gehaltenen Anweisungen des Circa instans eingewandert sind, fanden keine bildliche Entsprechung.
Importierte Pflanzendrogen wie getrocknete Samen, Wurzeln und Rinde wurden zu vollständigen Pflanzenbildern ergänzt. Sie geben Aufschluss darüber, wie man sich die im Westen nicht bekannten Stammpflanzen der importierten Drogen vorstellte. In einigen Fällen lassen sich mit Hilfe der relativ naturnahen Pflanzendarstellungen die Substitution oder Verfälschung von Heilpflanzen dokumentieren.
Eine zum Vergleich mit dem Clm 28531 herangezogene Handschrift ist der Codex 2277 (Österreichische Nationalbibliothek, Wien). Die Handschrift ist im späten 15. Jahrhundert in Norditalien entstanden. Die Pflanzendarstellungen entsprechen zum Teil den Abbildungen im Juliana-Anicia-Codex, eine zweite Gruppe kopiert die gleichen Abbildungen wie der Clm 28531. Eine dritte Gruppe zeigt realitätsgetreue Pflanzenbilder. Kopien aus älteren Werken wurden anhand des natürlichen Vorbilds korrigiert, und die traditionell alphabetische Reihenfolge der Pflanzen wird gestört durch den Versuch einer systematischen Zusammenstellung einander ähnlicher Pflanzen. Damit weist die Handschrift einige Veränderungen auf, die den Beginn eines neuen, wissenschaftlichen Zugangs zur Pflanzenkunde ankündigen. Während der Clm 28531 fest in der Tradition spätmittelalterlicher Herbarien steht, erweist sich der nur wenige Jahre später entstandene Cod. 2277 als ein typisches Produkt der Umbruchzeit zwischen Mittelalter und Renaissance.


Kurzfassung in Englisch

The Codex latinus monacensis (Clm) 28531 (Bayerische Staatsbibliothek, Munich) is a herbal which was written in Northern Italy in the second half of the 15th century. It consists of about 600 chapters dealing with drugs of plant, animal and mineral origin. Most of these chapters are illustrated.
This study analyzes whether the plant illustrations of the Clm 28531 enable the reader of the manuscript to identify the relevant plant. Furthermore it had to be examined whether the illustrations imply any additional information about the plant.
Illustrated herbals had been passed on to our days from late antiquity to the end of the Middle Ages. During these centuries the image of the plant changed in several ways.
The earliest surviving illustrated herbal is the Juliana-Anicia-Codex (Österreichische Nationalbibliothek, Vienna, Cod. med. gr. 1). It was produced in Constantinople at about AD 512. Many of the plant illustrations show a naturalistic representation and clarity of structure.
During the following centuries, a changing sense of style and the habit of copying representations from earlier manuscripts instead of looking at the plants themselves, lead to unnaturalistic and simplified plant images.
At the end of the 14th century, a new illustrative tradition emerged, namely the Tractatus de herbis. It was based on a medical compendium called the Circa instans (Liber de simplici medicina) which was produced in Salerno at the end of the 11th century.
The earliest surviving manuscript of this treatise is Egerton Ms. 747 (British Library, London, c. 1300). The plant illustrations of Eg. 747 show an increasing awareness of nature. Although the plant illustrations were not based on studies exclusively drawn from life, mostly they did resemble the living plant. Illustrations of this kind can be called diagrams, because they are able to identify a plant on the basis of a simple, schematic representation.
The pictures of the Clm 28531 resemble those of a group of manuscripts from Northern Italy belonging to the Tractatus de herbis-treatise which base on the illustrations of Eg. 747. Clm 28531 does not show any alteration according to the illustrations of its predecessors.
The plant images can be identified. As in the case of Eg. 747 they can be called diagrams. Illustrations with many distinguishing details, extensive descriptions and marginal glosses and supplements make it evident that the Clm 28531 was used by a physician or apothecary as a handbook for distinguishing herbs.
Informations given by the text concerning the place of growth were included into the representation of the plant 4 times. In 4 cases hints to pharmacological effects were given by the plant illustration. Anecdotal images illustrate the legends about place of growth and harvesting of the drugs Balsamus and Xiloaloes. Any informations about magical or superstitious treatments given in the text can be traced back to the Herbarius of Pseudo-Apuleius. This aspect has no influence on the plant illustrations.
The shape of medical plants from the Indies and the Middle East was unknown in Western Europe in most cases. To represent the image of imported drugs like dried seeds, roots and bark they were combined with well-known plants to form fictitious plants without any resemblence on nature. In some plant pictures, evidence for falsifications, substitutions and erroneous identifications can be detected.
The herbal Codex 2277 (Österreichische Nationalbibliothek, Vienna) was manufactured in the late 15th century in Northern Italy. In this manuscript the illustrations of plants have been copied from at least three sources. The majority of the illustrations was based on the illustrative tradition of the Juliana-Anicia-Codex. A second group resembles the illustrations of the Clm 28531 and its predecessors. A third group was drawn directly from nature.
The illustrations taken from previous models were altered in some cases and corrected by observing the real plant in its natural state. The traditional alphabetical order of the chapters was disrupted by assorting the plants to various organizing principles such as appearance, pharmacological effects or place of growth.
In this and some other regards, the Vienna Cod. 2277 differs from the preceeding herbals. Whereas Clm 28531 retains the illustrative tradition of its predecessors without alteration, Cod. 2277 clearly marks the changing period between Middle Ages and Renaissance, with the beginning of a renewed approach to natural sciences.


SWD-Schlagwörter: Pflanzendarstellung , Buchmalerei , Kräuterbuch , Heilpflanzen <Motiv> , Mittelalter
Freie Schlagwörter (deutsch): Pflanzenillustration , illuminierte Handschrift , Clm 28531 , Bayerische Staatsbibliothek , Tractatus de herbis
Freie Schlagwörter (englisch): plant illustration , medieval herbals , medical plants , medieval manuscripts , Clm 28531
Institut: Institut für Biologie 3
Fakultät: Fakultät für Biologie
DDC-Sachgruppe: Biowissenschaften, Biologie
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Hertel, Rainer (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 19.07.2006
Erstellungsjahr: 2006
Publikationsdatum: 27.03.2007
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