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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-53593
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/5359/


Dümmler, Jana

"Einfach anders leben!?" - Schwierigkeiten in liberalen Intentionalen Gemeinschaften aus der persönlichen Sicht ihrer Mitglieder

"Simply live differently!?" - Challenges in liberal intentional communities in the personal view of their members

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Kurzfassung in Deutsch

Der Aufruf zu gemeinschaftlichen Lösungen für aktuelle politische, soziale und auch ökologische Probleme erfreut sich einer nicht nachlassenden Beliebtheit in allen politischen Lagern. Liberale Gemeinschaften, deren Mitglieder versuchen, individuelle Freiräume und gemeinschaftliche Solidarität miteinander zu verbinden, sind dabei der Orientierungspunkt sowohl der politischen Linken als auch der Kommunitaristen. Gegner des Gemeinschaftsgedankens warnen dagegen vor einer Unterdrückung der individuellen Selbstbestimmung in jeder intentional geschaffenen Form von Gemeinschaft. Nur selten werden in solchen seit Anbeginn der Soziologie geführten Debatten um den Sinn und Unsinn von neuen Kollektivformen die praktischen Erfahrungen von Individuen in liberal-intentionalen Gemeinschaften einbezogen.

Die vorliegende Arbeit liefert hierzu einen aktuellen empirischen Beitrag. Der Schwerpunkt liegt dabei auf persönlichen Integrationsproblemen und deren Überwindung nach dem Eintritt in eine liberal-intentionale Gemeinschaft. Dieses Vorgehen erlaubt es auch, prinzipielle „Grenzen der Gemeinschaft“ (Helmuth Plessner) zu erhellen. Deshalb wurden für die empirische Arbeit Gemeinschaften mit ausdrücklich hohen Ansprüchen an die eigene Programmatik und Vorbildhaftigkeit ausgewählt, die somit als Laboratorien des Sozialen begriffen werden können. Im Verlauf der Forschung besuchte die Autorin im Herbst 2006 zehn Kommunen, Ökodörfer und alternative Gemeinschaften in Deutschland und führte mit 27 BewohnerInnen ausführliche Interviews und Gespräche.

Nach der Auswertung des empirischen Materials kristallisierten sich vier Problemkomplexe heraus, die von den meisten Befragten beschrieben wurden: Der Beitritt zu oder die Gründung einer liberal-intentionalen Gemeinschaft setzt erstens eine bewusste Entscheidung dafür voraus. Zweitens muss in der Alltagsorganisation zwischen solchen Idealen und Bedürfnissen, die sich auf das Gemeinsame richten und jenen, die sich auf individuelle Freiräume beziehen, vermittelt werden. Ein dritter Problemkomplex ist durch das Spannungsverhältnis zwischen Variabilität und Stabilität innerhalb der Gemeinschaften gekennzeichnet. Viertens erweisen sich einige habitualisierte Verhaltensweisen im neuen Kontext des Gemeinschaftslebens als problematisch.

Die massiven Schwierigkeiten der Gemeinschaftsmitglieder, diese Probleme zu überwinden, verdeutlicht, dass liberale Gemeinschaften keineswegs einfach zu verwirklichen sind. Die für den Einzelnen unabdingbare emotionale Sicherheit scheint sich nämlich wesentlich aus einer unhinterfragten kollektiven Basis (Kultur) zu speisen und gerade diese Basis wird in liberalen Gemeinschaften immer wieder zur Diskussion gestellt.

Wird nach den Auswirkungen solcher Gemeinschaften auf das Individuum gefragt, finden sich keine Anzeichen für eine Unterdrückung des Ichs durch das Wir in liberal-intentionalen Gemeinschaften. Ganz im Gegenteil kommt es zu einer Stärkung des Ichs, das sich zum Wir verhält – also zu einer Stärkung der persönlichen Autonomie. Bezeichnenderweise fördert das Leben in den besuchten liberal-intentionalen Gemeinschaften traditionell mit der gesellschaftlichen Sphäre verbundene Tugenden, wie Kompromissbereitschaft, Selbstbewusstsein, Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Toleranz. Insofern findet sich auch die kommunitaristische These bestätigt, dass enge persönliche Bindungen und die damit einhergehenden Herausforderungen an den Einzelnen Voraussetzungen für die Entfaltung selbstbestimmter Individuen sind.


Kurzfassung in Englisch

The call for collective solutions to current political, social, and ecological problems enjoys a high popularity in all political camps. Liberal communities, whose members try to combine individual freedom and communal solidarity, are the focus both of the political Left and the Communitarian movement. Opponents of this idea warn of the oppression of individual self-determination in any form of intentional created community. Even though debates about the sense and nonsense of new collective forms are as old as the social sciences themselves, the practical experiences of individuals in liberal-intentional communities are only rarely considered.

This paper provides an up-to-date empirical contribution to those debates. It focuses on personally experienced problems of members of liberal-intentional communities and their solutions. By doing so, it allows to ask about „the Limits of Community“ (Helmuth Plessner). Therefore the author selected communities with high standards in their programs, so that they can be understood as social laboratories. During her research in the autumn of 2006, she visited ten communes, eco-villages, and alternative communites in Germany and interviewed 27 residents using qualitative methods.

Four complex problems were described by most respondents: Firstly, the entry intor or formation of a liberal-intentional community requires a conscious decision in its favour. Secondly, the members must find a balance between the ideals and needs that are directed at the communal sphere and those that are concerned with individual freedom. The third issue is the tension between variability and stability within the community. Fourthly, some old habits prove problematic in the new context of community life.

The community members experience massive trouble dealing with these challenges. This demonstrates that well-functioning liberal communites are by no means easy to achieve. In fact, the emotional safety that is indispensable for the individual seems to root for a large part in an unquestionable collective base (culture). And it is precisely this base that is in liberal communities open for scrutinizing discussions.

Considering the impact of such communities on the individual, no sign of suppression of the self by the group is found. On the contrary, the self that relates to the collective base – in other words, the personal autonomy - is strengthened. A striking fact is that life in the liberal-intentional communities visited promotes those virtues that are traditionally linked to a public democratic society such as the willingness to compromise, self-confidence and self-awareness, communication skills, a sense of responsibility and tolerance. In this respect the communitarian thesis is confirmed, that close personal ties and the associated challenges for the individual are preconditions for the development of self-determined citizens.


SWD-Schlagwörter: Kommunitarismus , Sozialer Wandel , Soziale Bewegung , Kulturanthropologie , Alternativbewegung
Freie Schlagwörter (deutsch): intentionale Gemeinschaft , Gemeinschaftsforschung , Ökodorf , liberale Gemeinschaft
Freie Schlagwörter (englisch): Communitarism , intentional community , liberal community , eco-village
Thesaurus Sozialwissenschaften Ethnologie [38] , Anthropologie [70] , Soziologie [125]
Institut 1: Zentrum für Anthropologie und Gender Studies (ZAG)
Institut 2: Institut für Soziologie
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie
Dokumentart: Diplomarbeit, Magisterarbeit
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 2007
Publikationsdatum: 23.06.2008
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