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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-57859
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/5785/


Bauer, Angelika

Miteinander im Gespräch bleiben - Partizipation in aphasischen Alltagsgesprächen

Participation in aphasic conversations

Dokument1.pdf (5.077 KB) (md5sum: 27a0a35403f0eaa4363a11d31baba7dd)

Kurzfassung in Deutsch

Im Fokus des Interesses dieser Arbeit steht die Organisation der Partizipation an informellen und familiären Alltagsgesprächen unter 'aphasischen' Bedingungen.

Miteinander ins Gespräch kommen und miteinander im Gespräch bleiben ist konstitutiv für unsere Kultur und unabdingbar für die meisten sozialen Institutionen unserer Gesellschaft, für Parlamente und Arbeitsteams ebenso wie für Familien und Paare. Die Partizipation an Gesprächen ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Eine Aphasie ändert dies schlagartig. Sie bewirkt eine Beeinträchtigung des kognitiven Subsystems Sprache und führt dazu, dass es den Betroffenen nicht mehr gelingt, die zu einem gegebenen Zeitpunkt notwendigen Wörter zu äußern, syntaktische Strukturen zu vollenden oder die sprachlichen Äußerungen ihrer Gesprächspartner zu verstehen. Alltägliche Aktivitäten wie Tischgespräche, Klatsch und Tratsch, Absprachen, Diskussionen usw. verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Als Kommunikationshindernis und als Stigma prägt die Aphasie die Partizipation der Betroffenen am privaten und öffentlichen sozialen Leben.
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Auswirkungen der aphasischen Sprachstörung auf den familiären Kommunikationsalltag. Im Fokus stehen die sprachlich-interaktiven Verfahren der Adaptation, die die Betroffenen in ihren alltäglichen Gesprächen einsetzen und entwickeln, um eine Partizipation der aphasischen Gesprächsteilnehmer trotz der Aphasie zu ermöglichen. Die Untersuchung zielt darauf ab, diese Verfahren zu beschreiben. Sprachlich-interaktive Adaptation wird als gemeinsame Leistung aller Beteiligten analysiert.
Als Datengrundlage dienen authentische Gespräche, die von den Betroffenen in ihrem häuslichen Kontext aufgenommen und dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt "Adaptationsstrategien in der familiären Kommunikation zwischen Aphasikern und ihren Partnerinnen" (Prof. Dr. Peter Auer, Deutsches Seminar 1 Universität Freiburg 2000-2004)zur Verfügung gestellt wurden. Sie konzentriert sich auf die Aufnahmen zweier Familien, die mit sehr schweren Aphasien zu Recht kommen müssen.
Gearbeitet wird mit den Konzepten und Methoden aus verschiedenen interaktionsanalytischen Forschungsrichtungen, aus Goffmans Soziologie des Gesprächs, aus der ethnomethodologischen Konversationsanalyse und aus der interaktionalen Linguistik.
Ergebnisse: Die Untersuchung kann zeigen, dass das Aphasiemanagement im familiären Gespräch auf die Aufrechterhaltung der Interaktion und auf die Partizipation der aphasischen Partner ausgerichtet ist (spezifische adaptiertes Partizipationsmanagement). Sie beruht auf der prinzipiellen Kooperativität von Gesprächen. Sie macht von Partizipationsstrukturen wie assistiertem Erzählen, Duetten etc. Gebrauch, die durch eine spezifische Form der Kooperativität - die Kollaborativität - gekennzeichnet sind, und die wir auch aus Gesprächen Sprachgesunder kennen. Diese Partizipationsstrukturen werden in der aphasischen Interaktion an deren spezifische Bedingungen und Ziele adaptiert und mit multimodalen Praktiken des Partizipationsmanagements etabliert, um gemeinsames sprachliches Handeln zu ermöglichen. Darüber hinaus orientieren sich die Praktiken des Partizipationsmanagements aber auch an der rituellen Anforderungen der Interaktion, am face work im Goffmanschen Sinne.
Die Absicherung der Partizipation der aphasischen Ehemänner und Familienväter ist Teil des Bemühens, die Homöostase der innerfamiliären Kommunikation wieder herzustellen und entsprechend adaptierte Problemlösungsstrategien für eine innerfamiliäre community of practice zu etablieren.
Das Partizipationsmanagement wird als gemeinsame Aufgabe der Beteiligten realisiert (Prinzip der Kooperativität), wobei die sprachgesunden Ehepartnerinnen eine besondere Verantwortung übernehmen. Die Ehefrauen widmen ihren aphasischen Männern ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, fungieren als Sprachrohr, Langzeit- und Arbeitsgedächtnis, als Moderatorinnen, Assistentinnen und face-Manager. Dadurch wird auch ihre eigene Partizipation am Gespräch geprägt.



Kurzfassung in Englisch

This work focuses on the analysis of how the participation of parties suffering from aphasia is organized within talk-in-interaction, the primordial site where language emerges as action in the social world and where the results of a brain damage become visible and consequential for people's lives.
Data from informal conversations of two families suffering from aphasia are analyzed using the concepts and methods of Conversation Analysis, Interactional Linguistics and Goffman's interactional theories. The analysis sheds light on the practices participants use to accomplish meaning, action and the participation of the partner with aphasia. Participation structures and multimodal practices oriented to organize participation within unfolding sequences of interaction are shown to be a collaborative joint venture of the participants. Participation frameworks are continously co-constructed in a way which reflects not only the restrictions due to aphasia and the tasks of interaction but also an orientation to ritual aspects of participation (Goffman).



SWD-Schlagwörter: Aphasie , Konversationsanalyse , Interaktion , Gespräch , Alltag
Freie Schlagwörter (englisch): aphasia , interaction , conversation , participation
Institut: Deutsches Sem. 1: Inst. f. Deutsche Sprache u. Ält. Lit.
Fakultät: Philologische Fakultät
DDC-Sachgruppe: Deutsch, germanische Sprachen allgemein
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Auer, Peter (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 30.05.2008
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 23.09.2008
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