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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-67274
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/6727/


Rehfuss, Martin

Die Integration Blinder und Sehbehinderter in Regelschulen : eine dialektische Deduktion von Herausforderungen und Chancen bei Integrativmaßnahmen

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Kurzfassung in Deutsch

Die Integration von blinden und sehbehinderten Schülern an allgemeinen Regelschulen bleibt, selbst nach über dreieinhalb Jahrzehnten integrativer Regelschulerfahrung, ein Phänomen, das gesellschaftlich fernab einer als „normal“ empfundenen Beschulungspraxis rangiert. Seit dem Beginn der Blindenbildung, Anfang des 19. Jahrhunderts, seitdem die Möglichkeit zur Ausbildung von Blinden ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen war, wurde das Blindenbildungssystem parallel zum Regelschulsystem entwickelt und beinahe 200 Jahre lang quasi als viertes Glied, nämlich als dasjenige einer Sonderschule, mit unserem dreigliedrigen System mitgeführt. Erst in den 70er- Jahren begannen, unter gewaltigem logistischen und pädagogischen Einsatz, die ersten Versuche einer gemeinsamen Beschulung von sehgeschädigten und normalsichtigen Schülern. Die integrative Beschulung folgt damit knapp zehn Jahre später dem allgemeinen Trend hin zu offeneren Unterrichts- und Schulformen. Die ersten Integrativmaßnahmen standen nicht nur unter hohem Erwartungsdruck, weil ein historisch gewachsenes und erfolgreiches lindenbildungssystem über mehr als eineinhalb Jahrhunderte lang zum normalen Schulsystem koexistierte und damit der integrativen Beschulung einen Teil ihrer Existenzberechtigung abzusprechen schien, sondern wurde von Befürwortern der separativen Beschulung regelrecht bekämpft, weil eine erfolgreiche Beschulung unter den gegebenen Umständen nicht nur abwegig erschien, sondern auch, weil eine Durchlässigkeit des etablierten Systems nicht im Interessensbereich der vergleichsweise jungen Sehgeschädigtenpädagogik stand.
Die integrative Regelpraxis an den Versuchsschulen machte jedoch bald klar, dass eine chancengleiche Teilnahme von Sehgeschädigten am Regelschulunterricht nicht nur möglich, sondern auch gewinnbringend sowohl für die integrierten, als auch für die sehenden Schüler sein konnte. Zudem führte eine weitere Entwicklung dazu, dass für manche sehgeschädigte Schüler und deren Eltern die Integration zu einer Perspektive wurde, nämlich diejenige von sich rasant fortentwickelnden technischen Möglichkeiten, die die schriftliche Kommunikation wischen den sehgeschädigten Schülern und normalsichtigen Personen enorm erleichterte und weiterhin in zunehmendem Maße vereinfacht. Computergestützte Arbeitstechniken bilden in diesem Zusammenhang die Schnittstelle, die in der Lage ist, dem normalsichtigen Benutzer zeitgemäße Kommunikation und multimediales Arbeiten zu ermöglichen und dem blinden Nenutzer, zumindest zu einem Teil, hinsichtlich der Schriftlichkeit das Augenlicht zu ersetzen.
Für Entspannung in der integrativen Regelbeschulung sorgte, auf schulrechtlicher Ebene, eine Empfehlung der Kultusministerkonferenz von 1994, in der verfügt wurde, dass die Erfüllung sonderpädagogischen Förderbedarfs nicht mehr zwangsläufig an Sonderschulen gebunden bleiben müsse. Im Zuge dessen wurde gleichsam von außen wie auch von innen ein Öffnungsprozess der Sonderschulen insofern initiiert, als dass sie, weg von reinen stationären Internatsschulen, hin zu überregionalen integrativen Förderzentren avancierten, die mit spezifischen Didaktikpools und speziell ausgebildetem Personal die Förderung der Integrativschüler empfindlich verbessern. Mittlerweile wurden mit dem bestehenden sonderpädagogischen Fördersystem an Integrativschulen viele Erfahrungen gemacht. Eine gewisse Ausdifferenzierung und Konsolidierung des Systems findet statt. Dennoch ist die Beschulungssituation als solche für die Sehgeschädigten und deren Eltern insofern immer noch unklar, als dass nur wenige Institutionen über wirklich adäquate und neutrale Informationen verfügen, Eltern mit ihrem sehgeschädigten Kind allein gelassen werden oder die Familien in Interessenskonflikte eines gesellschaftlichen Systems geraten, in dem sich zum Teil immer noch integrative und separative Kräfte gegenüberstehen.
In der vorliegenden Arbeit sollen Widerstände und Effekte der integrativen Beschulung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden und einen entsprechenden Rückbezug auf den integrativen Regelschulunterricht erfahren. Insbesondere soll darauf fokussiert werden, wie sich die integrative Beschulung aus historischer, rechtlicher, psychologischer und pädagogischer Sicht darstellt.
Besonderes Augenmerk soll hierbei auf die weiterhin zu überwindenden Widerstände gerichtet werden, die sich für den Sehgeschädigten und für dessen Eltern hinsichtlich der spezifischen Pädagogik für die Umsetzung des sonderpädagogischen Förderbedarfs, mithin also für das zuständige integrative Förderzentrum, den Betreuungslehrer und die unterrichtenden Regelschullehrer und schließlich in Hinsicht auf spezifische Unterrichtssituationen in den
einzelnen Fächern an Regelschulen ergeben. Diese zu überwindenden Widerstände gliedern sich in extrinsische und intrinsische Faktoren, die sich an mehreren Schnittpunkten verzahnen können.
Die aus einer Integrativbeschulung resultierenden Effekte sind insofern gleichsam als intrinsisch und extrinsisch zu betrachten, als dass sie einerseits auf den methodisch-didaktischen Unterrichtskomplex zurückwirken und andererseits außerhalb des Klassenkontexts auf eine heterogene Gesellschaft Einfluss nehmen und somit auch makrosoziologische Auswirkungen bedingen können.
Zu Gunsten eines verständnisorientierten und logisch kohärenten Aufbaus werden zuerst die in Deutschland herrschenden gesamtgesellschaftlichen Auffassungen zur Blindenbildung anhand der historischen Gegebenheiten der Blindenbildung selbst entwickelt und sollen in einem zweiten und dritten Schritt zuerst auf die integrative Beschulung im Allgemeinen bezogen werden, um letztlich die Frage nach den heute gängigsten Beschulungsmaßnahmen aufzuwerfen. In einem weiteren Schritt sollen die heute gängigsten integrativen Beschulungskonzepte vorgestellt werden, wobei wesentliche Vorzüge und Defizite der spezifischen Integrationsformen aufgezeigt werden sollen. Hierbei wird auch die oft gestellte Frage nach dem Unterrichtsmodus umrissen und eine entsprechende Erläuterung angeboten. Als besonderes Hindernis für die integrative Beschulung galt und gilt die vielfach unsichere Rechtssituation, die sich mittlerweile zwar verbessert, vor dem Hintergrund des föderalen Bildungssystems jedoch nicht völlig aufgeklärt hat und nicht nur in Grenzfällen eine hohe Komplexität in sich birgt. Nichtsdestoweniger bietet sie dem sehgeschädigten Schüler heute
weitgehende Wahlfreiheit der Beschulung, was die Frage nach den primären motivativen Faktoren seitens der an der Integrationsmaßnahme unmittelbar beteiligten Personen aufwirft.
Neben der sich zwar vereinfachenden, jedoch weiterhin diffizilen Situation des Status der integrativen Beschulung und ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, sowie einer in der Natur der Sache liegenden Verschmelzung von Sonderpädagogik und der allgemeinen Pädagogik zu einer für den Sehgeschädigten möglichst optimalen Fördergrundlage soll untersucht werden, ob eine Verzahnung von ehgeschädigtenpädagogischen und allgemein pädagogischen Elementen Effekte in ntegrationsklassen bewirken kann, die das methodisch-didaktische Repertoire einer allgemeinen Regelschulpädagogik für die normalsichtigen Schüler sinnvoll ergänzt, bzw. die gemeinsame Unterrichtssituation zu psychologisch-pädagogischen Effekten für den sehgeschädigten Schüler führt, von denen er in verstärktem Maße profitieren kann. Auch hierfür soll detailliert auf Erkenntnisse aus der Blinden- und Sehbehindertenpsychologie sowie auf Grundlagen und Erkenntnisse aus der Sonder- und Integrationspädagogik rekurriert werden. Besondere Beachtung soll den zu einer neuen integrationspädagogischen Einheit verketteten Leitlinien und, in einem weiteren Schritt, denjenigen Auswirkungen geschenkt werden, die den Unterricht von Integrationsklassen insgesamt betreffen. Etwaige Effekte sollen einen Rückbezug auf die aktuellen Bildungsstandards von Gymnasien in Baden-Württemberg erfahren.
Obwohl eine qualitative Dialektik kaum eindeutige oder allgemein gültige Aussagen zulässt, liegt die Vermutung doch nahe, dass die allseits unternommenen Anstrengungen, im Falle von gelungenen Integrativmaßnahmen positive Effekte nicht nur für den Sehgeschädigten, sondern auch für dessen Klassenkameraden evozieren. Im Zuge dieser im allgemeinen noch relativ aufwändigen Beschulung muss sich die Integrationspädagogik auch die Frage gefallen lassen, ob die aufgewandte „Energie“ an den Widerständen des Förderschwerpunkts und/oder des herrschenden Systems gänzlich aufgezehrt wird, also kaum in Relation zu ihnen steht, oder ob sich darüber hinaus Synergieeffekte für die weitaus überwiegende Zahl der normalsichtigen Mitschüler ergeben, die den Regelschulunterricht bereichern.
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Beitrag zu leisten gegen die weiterhin in der Gesellschaft vorherrschende Verklärung der Auswirkungen der gemeinsamen Beschulung von blinden und normalsichtigen Schülern, um, wie zu hoffen ist, weitere symbiotische Brückenschläge von Sonderpädagogik und allgemeiner Regeschulpädagogik vorzubereiten, die nicht nur den integrativen Unterricht, sondern den Regelschulunterricht insgesamt einer zunehmend heterogenen Schülerschaft sinnvoll effektivieren.


SWD-Schlagwörter: Schulische Integration , Sehbehindertenschule , Sehbehinderung , Sehbehindertenpädagogik , Blindenpädagogik , Blindenschule , Unterrichtsmethode
Freie Schlagwörter (deutsch): integration , blind , sehbehindert , regelschule , unterrichtseffekte , integrative beschulung
Institut: Institut für Erziehungswissenschaft
DDC-Sachgruppe: Erziehung, Schul- und Bildungswesen
Dokumentart: Diplomarbeit, Magisterarbeit
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 14.07.2009
Bemerkung: Name des Autors hat sich geändert: Park, Martin.
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