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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-69560
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/6956/


Oberfeuchtner, Heike Carolin

Die Konzeption des menschlichen Selbst im Werk Friedrich Nietzsches

The conception of the human self in the works of Friedrich Nietzsche

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Kurzfassung in Deutsch

Thema der in sieben Kapitel gegliederten Dissertation „Die Konzeption des menschlichen Selbst im Werk Friedrich Nietzsches“ ist Nietzsches Bild und Lehre vom Menschen, seine Anthropologie. Um diese herauszuarbeiten, wird ein synoptischer Blick auf sein Gesamtwerk geworfen und erfolgt eine genaue Lektüre seiner veröffentlichten Texte wie des erst posthum publizierten Nachlasses.
Zunächst ist dabei die Fragestellung selber zu rechtfertigen, um die naheliegende Behauptung zu entkräften, Nietzsche, der leidenschaftliche Kritiker und Zertrümmerer jeglicher philosophischen Tradition, habe sich mit der hochgradig traditionsbeladenen Frage nach Natur und Wesen des Menschen gar nicht befasst. Tatsächlich jedoch spielt diese bei ihm eine zentrale Rolle, denn gerade wenn die überkommenen Welt- und Selbstentwürfe aus Religion und Philosophie nicht mehr akzeptiert werden, müssen neue Bestimmungen an deren Stelle treten, damit der Mensch sinnerfüllt und in Frieden mit sich und anderen leben kann. Zwar bestimmt Nietzsche das Wesen des Menschen nicht mehr wie seine Vorgänger als ein unteilbares, unveränderliches und autonomes Ich, wohl aber als ein Selbst, das er den „Leib“ nennt, einen äußerst wandelbaren, dynamischen Erlebnisraum, in dem sich je konkrete, auf den Einzelnen bezogene Existenzweisen abspielen.
Dabei sind es vor allem zwei Existenzweisen, auf die Nietzsche sein Augenmerk richtet. Zunächst fasst er den Menschen als einen sogen. „freien Geist“ auf. Zu diesem Daseinsmodus gehört das permanente Infragestellen und Kritisieren der vorgegebenen Meinungen, Werte und angeblich gesicherten Erkenntnisse. Als freier Geist verfährt der Einzelne grundsätzlich analytisch und kritisch-destruktiv. Selbstverständlich ist eine solche Existenzweise schmerzhaft, riskant, ermüdend und führt letztlich in die Einsamkeit dessen, der nichts und niemandem vertrauen kann.
Deswegen schreibt Nietzsche dem Menschen ebenso die Selbsterfahrungsweise des „Künstlers“ zu. Als ein solcher ist der Einzelne in der Lage, sich selbst und die Welt um sich herum zu gestalten, kreativ und konstruktiv tätig zu sein und die Schönheit – und sei sie auch nur ein schöner Schein – in sein Leben einzulassen. Wohlbefinden, Heiterkeit und Harmonie sind die Kennzeichen des künstlerischen Daseins. Jedoch würde eine Perpetuierung dieses Zustands letztlich in einen lebensfeindlichen Stillstand münden, könnte und müsste der Mensch sich nicht, insofern er auch freier Geist ist, im Zeichen des kritischen Misstrauens wieder davon lösen.
Es stellt ich somit heraus: Keine der beiden Arten des Selbsterfahrens ist je für sich genommen ausreichend, um damit ein gelingendes Leben führen zu können. Jeder Mensch ist inbegriffen in einem schicksalhaften, von Nietzsche als „tragisch“ gekennzeichneten Antagonismus zwischen zwei diametral entgegengesetzten Existenzmodi, dem zerstörerischen des freien Geistes und dem schaffenden des Künstlers. Dies ist der Kern und auch der Grundkonflikt von Nietzsches Anthropologie. Er macht den Menschen zu einem widersprüchlichen, brüchigen, veränderlichen Wesen.
Die nächsten Kapitel befassen sich mit den Bezügen zwischen dem herausgearbeiteten menschlichen Antagonismus und den zentralen Begriffen der Philosophie Nietzsches, die auch über die Grenzen des Fachs hinaus bekannt geworden sind, namentlich der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“, dem „Willen zur Macht“ und dem „Übermenschen“. So muss man die Erkenntnis, dass alles Geschehen in der Welt in genau derselben Reihe und Folge sich ewig wiederholen wird, Nietzsches Überzeugung von der Wiederkunft des Gleichen also, verstehen als ein Instrument zur Selbsterkenntnis des einzelnen Menschen. Denn in dem Moment, in dem mir bewusst wird, dass alles, was ich tue, von mir noch unzählige Male in exakt derselben Weise getan werden muss, richte ich meine Aufmerksamkeit in äußerster Konzentration auf eben diesen Moment und meine eigene Rolle in ihm. So wird sich der Mensch zuallererst seines Selbst und des Grundkonflikts bewusst und er erfährt schonungslos den ganzen Schrecken, der darin liegt, auf ewig dem Zirkel aus Aufbauen, Zerstören und erneutem Aufbauen verfallen zu sein. Es stellt sich dringlichst die Frage nach der Rechtfertigung des eigenen tragischen Daseins, eine Frage, der Nietzsche mit der Aufforderung zum uneingeschränkten „Ja“ begegnet. Dieses kann nur von demjenigen Menschen ausgesprochen werden, der beide Dimensionen zwar jeweils in ihrem Eigenwert anerkennt, sie zugleich aber auch als notwendig aufeinander Bezogene begreift. Eine Weise bestimmt sich von der anderen her – vom freien Geist aus gesehen ist der Künstler nicht irgendein Anderer, sondern der ihm eigene Andere, und vom Künstler aus gesehen gilt Entsprechendes –, sodass der Mensch beide zugleich gutheißen und auf einer höheren Ebene miteinander vereinen kann. In dieser Selbst-Synthese beseitigt er die spannungsgeladene Dynamik seines Wesens nicht etwa, vielmehr bestätigt und „bejaht“ er sie geradezu.
Ebenso wie die „Wiederkehr des Gleichen“ weist der sogen. „Wille zur Macht“ einen deutlichen Bezug zu Nietzsches Anthropologie auf, denn dieser Machtwille ist nichts anderes als die Kraft, auf die sich der Antagonismus und die Dialektik des Menschen zurückführen lassen. Es kann gezeigt werden, dass diese Kraft ein ebenso zerstörerisches wie schöpferisches Potenzial in sich birgt und dennoch eine einzige Kraft darstellt, sodass auch hierdurch die Möglichkeit und Hoffnung des Menschen auf umfassende Selbstbejahung eine Bestätigung erfährt. Dabei muss allerdings betont werden, dass der Wille zur Macht nicht als metaphysisches, d. h. neben der Welt für sich bestehendes Wesen existiert, sondern immer nur im konkreten, einzelnen Menschen verkörpert ist.
So verwundert es nicht, dass Nietzsche eine ebenfalls an den konkreten Leib gebundene Idealvorstellung vom Menschen entwirft, den „Übermenschen“ nämlich, der nicht nur wie ein Philosoph über den Grundkonflikt nachdenkt und die Selbst-Synthese theoretisch begreift, sondern sie praktisch, und zwar in Perfektion vollzieht. Nietzsche zufolge muss der Mensch, um Übermensch zu werden, sich das selbstbezogene Wissen so vertraut machen, dass es wieder unbewusst wird, es sich so einverleiben, dass er „automatisch“ darauf zurückgreifen kann und intuitiv stets als vollständiger Mensch, als freier Geist und als Künstler lebt und handelt. Erst dann ist er für Nietzsche eins mit sich und seinem Schicksal, ist leib-hafter Mensch geworden.
Das Schlusskapitel widmet sich den im weiteren Sinne ethischen Implikationen von Nietzsches Menschenbild, etwa den paradigmatischen Geisteshaltungen, die Nietzsche zur Vorbereitung und Einübung des übermenschlichen Ideals vorschlägt, und vor allem der Frage, wie er als Vertreter eines deterministischen Weltbildes menschliche Freiheit versteht. Sie stellt sich für ihn dar als Übereinstimmung von Selbst- und Schicksalsliebe, in dem Fall nämlich, in dem der Mensch sein Selbst als sein Schicksal erkannt und anerkannt hat. Erneut wird deutlich, welch hohen Ansprüche Nietzsche an jeden Einzelnen von uns stellt, Ansprüche, denen wir nur gerecht werden können, wenn wir seine Anthropologie nicht eigentlich als Lehre, sondern als Herausforderung begreifen.


Kurzfassung in Englisch

The topic of the dissertation „Die Konzeption des menschlichen Selbst im Werk Friedrich Nietzsches“ (The conception of the human self in the works of Friedrich Nietzsche) is Nietzsche’s concept and doctrine of human being, his philosophical anthropology.
Even though Nietzsche is known as a passionate critic of all philosophical tradition the traditional question as to what’s the nature of human being does play a central role in his thinking. The reason for that is that new determinations have to be found when the well-known concepts of the self and the world become obsolete in order for humankind to live a meaningful life. In contrast to his predecessors Nietzsche doesn’t characterize the nature of human being as an unchangeable “Ego” but as a “Self”, also called the “Leib” (body), a dynamic area of experience in which concrete manners of existing are taking place.
There are two manners of existing that Nietzsche pays attention to: At first he looks at human being as a so called “freier Geist” (free spirit). This modality of existing is characterized by permanently criticizing and questioning the given opinions, values and knowledge. As free spirit man is principally operating analytically and destructively.
But there is also another way of experiencing oneself, the way of the “Künstler” (artist). As artist man has the ability to create and construct himself and the world around him and to acknowledge beauty. Harmony, happiness and well-being are the characterizations of the artistic way of being.
However, neither modality, if isolated, is enough to build up what philosophers would call a “good” life. Every human being is characterized by a fateful, “tragic” antagonism made up of two diametrically opposed manners of existing, the destroying one of the free spirit and the creating one of the artist. This is the kernel and the primary conflict of Nietzsche’s anthropology.
The next chapters are concerned with the relations between this human antagonism and the most important terms of Nietzsche’s philosophy, first of all the “Ewige Wiederkehr des Gleichen” (Eternal return of the same). The knowledge that anything that happens in the world will be repeated in exactly the same way has to be understood as an instrument of self-knowledge. This very moment of concentration is the moment in which man becomes aware of his substantial conflict and is shocked by the fate of being trapped in an eternal circle of building-up, destroying and again building-up. He dearly needs an apology for his own tragic existence, a justification that Nietzsche calls the “Ja” (Yes). It can only be spoken by the one who acknowledges not only both dimensions of his self but also the way in which they are intertwined. One cannot be without the other so they can be affirmed at exactly the same time and can be unified on a higher level. This is the synthesis of the self in which its dynamic is confirmed.
The will to power is also related to Nietzsche’s anthropology as this will really is the source of the antagonism and dialectics of human being. It can be shown that this energy does contain both a destructive and a constructive potential - and yet is one and the same energy. So the possibility and the hopes of totally saying Yes to oneself are once again supported. It has to be emphasized though that the will to power is not a metaphysical essence but is only embodied in discrete human beings.
Consequently, Nietzsche develops the concept of an ideal human being called the “Übermensch” (“a man who is more than human”) which is also bound to a distinct body. The Übermensch is the one who achieves the synthesis of the self in perfection. In order to become Übermensch man has to get into his self-knowledge so much that it is finally embodied in himself and that he can access it automatically and unconsciously. Then he will live and act permanently as a complete human being, both free spirit and artist.
The last chapter is about ethical implications of Nietzsche’s anthropology, for example the ways of thinking an behaving which he proposes as a pre-stage to life as Übermensch. Special attention is paid to the possibility of human freedom in a deterministic world. In conclusion it must be said that Nietzsche is confronting humankind with high expectancies so that we shouldn’t account for his concept of human being as a doctrine but as a challenge.


SWD-Schlagwörter: Nietzsche, Friedrich , Philosophische Anthropologie , Wesen des Menschen , Leib , Gegensatz
Freie Schlagwörter (englisch): Nietzsche, Friedrich , philosophical anthropology , human nature , body , antagonism
Institut: Philosophisches Seminar
Fakultät: Philosophische Fakultät
DDC-Sachgruppe: Philosophie
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Paola-Ludovika, Coriando (PD Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 15.12.2008
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 04.11.2009
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