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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-70823
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7082/


Schmieder, Christian

Computergestützte qualitative Datenanalyse: Technik der Legitimation - Legitimation der Technik : eine qualitative Studie zur Verwendung von MAXQDA in akademischem Forschen

Computer assisted qualitative data analysis: technology of legitimation - legitimation of technology : a qualitative study on the use of MAXqda in academic research

Dokument1.pdf (2.377 KB) (md5sum: eb000d533ef5cb6a5e027f164f93c009)

Kurzfassung in Deutsch

Der Umgang mit CAQDAS (ComputerAssistedQualitativeDataAnalysisSoftware) und die Gründe für deren Nutzung sind bislang kaum empirisch erforscht worden. Die Diskussion ist geprägt von Hoffnungen und Ängsten - von denen ich einige in dieser Arbeit empirisch auf die Probe stellen werde. Grundlage dafür sind qualitative Interviews mit AnwenderInnen der QDA-Software (QualitativeDataAnalysis-Software) MAXqda. Insbesondere gehe ich auf folgende Fragen ein: Warum nutzen ForscherInnen Software? Welche Gründe stehen hinter der Entscheidung, Software - und speziell MAXqda - zu verwenden? Wie interagieren ForscherInnen mit ihren Daten? Wie gestaltet sich die Teamarbeit? Schafft die Verwendung von MAXqda zeitliche Freiräume? In meinen Analysen zeichnet sich insbesondere ab, dass Anforderungen des wissenschaftlichen Betriebs - in erster Linie Zeit- und Legitimationsdruck - die Nutzung von QDA-Software stimulieren und formen können. Damit lenke ich meinen Blick auf den Diskurs hinter der Verwendung von Software: Welche Angebote zur Legitimation werden ForscherInnen in Schulungen/Lehrbüchern gemacht? Welche Argumente nutzen ForscherInnen in der Folge zur Legitimation ihres Vorgehens?

Zunächst zeige ich, dass in professionellen Ausbildungsangeboten wie Workshops oder Lehrbüchern Amalgame aus technischem und methodischem Vorgehen angeboten werden. Anhand meiner Interviews und Beispielen aus Lehrbüchern erarbeite ich folgende These: Aufgrund der Anforderungen des wissenschaftlichen Betriebs wird es für ForscherInnen riskant, die Komponenten "Softwareoption" und "Forschungsmethode" individuell in eigenen Forschungsprojekten zu arrangieren, zu funktionalisieren - stattdessen entsteht eine Tendenz dazu, "Komplettpakete" zu übernehmen oder diese lediglich geringfügig zu modifizieren.

Die Frage, ob und wie QDA-Software qualitatives Forschen verändert, führte bislang zu Grabenkämpfen: Je nach Blickrichtung ist Software schillernde Heilsbringerin oder positivistisches Schreckgespenst; setzt Kreativität frei oder zwingt in methodologische Fesseln; entfremdet von den Daten oder erschafft Nähe zu ihnen. Techno-ideologische Scharmützel haben bislang nicht zu nennenswerten Erkenntnissen über QDA-Softwarenutzung geführt. Sie lenken bis heute davon ab, dass die Art und Weise der QDA-Softwarenutzung letztlich durch die Anforderungen des wissenschaftlichen Betriebs gesteuert ist. Über Diskurs und Struktur hinter der Verbreitung von CAQDAS gibt es bislang höchstens zaghafte Andeutungen in der Forschungsliteratur. Einen ersten konkreten Beschreibungsversuch unternehme ich in dieser Arbeit am Beispiel von MAXqda.

In einem letzten Schritt skizziere ich, wie - und von wem - die Nutzung von QDA-Software inszeniert und definiert wird. Ich zeige, wie computerunterstützte Datenanalyse in Lehrbüchern als zeitgemäße, transparente Form wissenschaftlichen Vorgehens präsentiert wird und wie sie einem Zerrbild archaischen, verdunkelden "manuellen" Arbeitens gegenüber gestellt wird. Daraufhin entwickle ich die These, dass das Label "computerunterstützte Datenanalyse" auf spezielle, meist kommerzielle Softwarepakete abonniert wird - auf genau diejenigen Softwarepakete, die letztlich im Zentrum professioneller Lehr- und Schulungsangebote stehen. Ich zeige, wie zugleich verschleiert wird, dass "computerunterstützte Datenanalyse" auch ohne diese Programme durchgeführt werden kann: Vorteile computergestützten Arbeitens sind nicht auf (kommerzielle) QDA-Programme beschränkt.

Ich wende meinen Blick also im Laufe der Untersuchungen von der Software als technische Ressource sowie den AnwenderInnen ab und fasse deren Einbindung in das System "Wissenschaft" ins Auge. Die Frage lautet nicht mehr: Wie formt Softwarenutzung wissenschaftliches Arbeiten? Sondern: Wie formt Wissenschaft die Softwarenutzung? Ich will mit dieser Arbeit vor allem darauf aufmerksam machen, dass der Diskurs hinter der QDA-Softwarenutzung dringend empirisch erforscht werden muss: Wie erlernen ForscherInnen die Softwarenutzung? Von wem? Wie genau wirken sich Zeit- und Legitimationsdruck auf Angebot und Nachfrage von Lehrangeboten aus? Wie wirkt sich dieser Druck in der Folge auf die Methodik und Softwarenutzung aus? Inwiefern grenzt sich eine Gruppe der UserInnen spezieller QDA-Software von Nicht-UserInnen ab? All diese Fragen werden begründet und diskutiert - vor allem aber gestellt. Ich rege damit dazu an, die innerwissenschaftliche Diskussion über den Einfluss von CAQDAS nicht mehr auf Basis methodologischer oder technischer Aspekte zu führen - sondern vielmehr die Diskurslogik der Wissenschaft anhand des Phänomens "CAQDAS" kritisch auszuleuchten.


Kurzfassung in Englisch

By analyzing qualitative interviews with researchers, I examine the use of MAXqda in three different research projects. I scrutinize how the program was integrated into the researchers' workflows and how they felt using the computer for a substantial amount of time during their research. In particular, I draw attention to the interviewees' issues concerning time management, data management, teamwork and data perception. I describe how the researchers perceive and communicate their own computer literacy; I show how they embed the use of CAQDAS into their career history as a natural consequence of their affinity towards computers and out of professional necessity.

What were the concrete reasons for using QDA-software? My analysis shows that the demands of academic discourse - foremost time constraints and the need for professional legitimization - triggered and shaped the use of QDA-Software. The interviewees tended to stick to the program to which they were first introduced and used the software with limited experimentation or exploration. Interestingly, the users who presented themselves as more computer literate did not explore different ways to implement the software more extensively. In fact, my interviews suggest that workshops and literature on software can determine which features of the software are used and which workflows are applied by researchers.

Benefits and pitfalls of QDA-software have been ferociously discussed in the past years with the focus set on the impact of the new technology on qualitative research. Being "pro-software" or "con-software" became a matter of being "pro-technology" or "con-technology" in general and therefore led to techno-ideological arguments. Social and professional influences on software usage, on the other hand, were only sparsely discussed.

My findings suggest that research and self-reflection on QDA-software should not focus solely on the question of how QDA-software (or a certain software package) might shape academic research. Another question must be raised: how do the necessities of academic research shape the use of QDA-software? This shifts the focus onto the social structures and the forces behind academic research practices. Consequently, future research on academic software use promises valuable insights into research in practice in general.


SWD-Schlagwörter: Qualitative Analyse , Qualitative Methode , Wissenschaftssoziologie
Freie Schlagwörter (deutsch): CAQDAS , QDA-Software , MAXqda , Nutzerstudie
Freie Schlagwörter (englisch): Qualitative Data Analysis Software , CAQDAS , qualitative methodology
Institut: Institut für Soziologie
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie
Dokumentart: Diplomarbeit, Magisterarbeit
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 2009
Publikationsdatum: 17.12.2009
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