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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-71678
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7167/


Krüger, Verena

Identität - Alterität - Hybridität : zur Funktion des Kaukasus in der russischen romantischen Literatur und im Film des postsowjetischen Russlands

Identity - alterity - hybridity : the function of the Caucasus in Russian romantic literature and in post-Soviet films

Dokument1.pdf (5.549 KB) (md5sum: de2a2d8905d36b9153de8b3d0f199f07)

Kurzfassung in Deutsch

Gegenstand der Dissertation ist die Vermittlung des Kaukasus-Bildes in der russischen Literatur der Romantik und in postsowjetischen Spielfilmen. Die Untersuchung geht davon aus, dass der Kaukasus in der russischen Kultur als Projektionsfläche dient, über die verschiedenste, für die eigene Kultur und das eigene kollektive Selbstverständnis zentrale Diskurse geführt werden. Analysiert wird, inwiefern Konstruktionen des "Anderen" für die russischen kollektiven Identitätsbildungen funktionalisiert werden. Hierbei wird die Kategorie der "nationalen Identität" in ihrer Verschränkung mit Gender-Diskursen fokussiert. Die Dissertation schließt somit an jene Forschungsrichtung an, die davon ausgeht, dass nationale Identitätsfindungsprozesse über kulturelle Konstruktionen des "Anderen" verlaufen, wobei die Alterität sowohl geschlechtlich als auch national bzw. ethnisch codiert sein kann. Gerade in der Verschränkung von Diskursen um "Nation" und "Männlichkeit" bzw. "Weiblichkeit" – so haben einschlägige Forschungsarbeiten gezeigt – ist ein Grund dafür zu sehen, dass diese Diskursformationen ihre starke und langanhaltende Wirkungsmacht entfalten konnten bzw. können.
Zwei Perioden, in denen die Frage nach der "eigenen russischen" Identität intensiv diskutiert wurde bzw. wird, sowie zwei Leitmedien der jeweiligen Zeit werden dabei in den Blick genommen: die erste Blütezeit der russischen Kaukasus-Literatur, die der Romantik, sowie postsowjetische Spielfilme bzw. Fernsehserien über die Tschetschenienkriege. Beide Zeitabschnitte sind geprägt von russisch-kaukasischen Kriegen sowie von virulenten Auseinandersetzungen um die Frage nach der eigenen nationalen Identität.
Theoretisch ist die Arbeit situiert an der Schnittstelle von Postcolonial und Gender Studies, wobei methodisch Ansätze der Diskursanalyse mit dekonstruktivistischem Instrumentarium und postkolonialem Hybriditätskonzept korreliert werden. Diese Theoriebildungen und methodischen Ansätze erweisen sich als besonders produktiv, um in den Text- und Filmanalysen sowohl solche Repräsentationen zu decodieren, die Identität und Alterität als homogene, geschlossene, bipolar organisierte Einheiten hervorbringen, als auch jene Repräsentationen zu erfassen, die Instabilitäten, fließende Differenzen, dekonstruktive Tendenzen und Hybridisierungen generieren. Somit werden auch bisherige Lesarten von Werken der russischen Kaukasus-Literatur in Frage gestellt und die Texte vor dem Hintergrund neuerer Theoriebildungen einer Relektüre unterzogen.
Der erste Teil der Arbeit widmet sich den Kaukasus-Darstellungen der Romantik. In einem Überblickskapitel werden zunächst dominante Diskursstränge und Darstellungsmodi der Kaukasus-Darstellungen systematisiert und analysiert, wie etwa solche, die in einem kolonialen Kontext zu sehen sind: die Alteritätsfiguren der "Wilden", der "captivity narrative" und literarische "Orientalisierungen". Darüber hinaus werden Landschaftsdarstellungen in den Blick genommen, die von den (präromantischen) ästhetischen Kategorien des "Erhabenen" bzw. des "Schönen" geprägt sind. Wie gezeigt wird, erweisen sich alle diese Topoi und Narrative als relevant für die Frage nach nationalen Identitätskonstruktionen in Verschränkung mit Geschlechterzuschreibungen.
Vor dem Hintergrund dieser heterogenen Diskursstränge wird im Weiteren anhand intensiver Einzeltextanalysen geprüft, inwiefern sich möglicherweise ein destabilisierendes, dekonstruktives Zusammenspiel ergibt. Dieser Frage wird anhand ausgewählter, sowohl hochkanonisierter Texte von A. S. Puškin und M. Ju. Lermontov als auch nicht kanonisierter Werke von Schriftstellerinnen, Lyrik von E. P. Rostopčina und Prosa von E. A. Gan, nachgegangen. Untersucht werden u.a. Lermontovs Verspoem "Izmail-Bej", Gans Erzählung "Vospominanie Železnovodska" und Puškins Reisetext "Putešestvie v Arzrum". Anhand der Texte wird beispielsweise gezeigt, wie eine Ontologisierung von "Identität" und "Alterität" in Frage gestellt wird, oder auch inwiefern parodistisch mit dem "Kaukasus-Text" der Romantik gespielt wird. Hierbei zeigt sich, dass Konstruktionen von "nationaler Identität" und ontologisierende Zuschreibungen an die Kategorie "Geschlecht" in diesen vielschichtigen Texten mitunter gebrochen bzw. letztlich verweigert werden.
Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit der Vermittlung der Tschetschenienkriege im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert im Medium Film. Dabei wird nach der Wirkungsmacht von Repräsentationsmustern der so genannten "hohen" romantischen Kaukasus-Literatur in der zeitgenössischen russischen Populärkultur gefragt – auch hier in Bezug auf die Funktionalisierungen und Verflechtungen von geschlechtlicher und nationaler Identität. Im Ergebnis zeichnet sich ab, dass bis zum Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges in der filmischen Darstellung der kriegerischen Auseinandersetzungen eher auf ambivalente Darstellungsmuster bzw. auf Uneindeutigkeiten zurückgegriffen wird, die sich kaum zur Propagierung "nationaler Projekte" eignen. Dies ändert sich im Folgenden: Nun dominieren markante bipolare, ontologisierende Repräsentationsmuster, starre Grenzziehungen zwischen dem nationalen bzw. ethnisch "Eigenen" und "Anderen", verbunden mit der verstärkten Vermittlung eines komplementären Geschlechter-Verhältnisses. Diese Darstellungen befördern einen russischen nationalen Kriegsdiskurs in hohem Maße. Hierbei reaktivieren die Filme auch Kaukasus-Bilder sowie Mechanismen der Identitätsbildung, die für die Kaukasus-Literatur der Romantik herausgearbeitet wurden; allerdings ohne die in der vorliegenden Arbeit an den literarischen Kaukasus-Texten der Romantik gezeigten Ambivalenzen, Vielschichtigkeiten und dekonstruktiven Elemente mitzuführen.


Kurzfassung in Englisch

This dissertation discusses the representation of the Caucasus in Russian romantic literature as well as in post-Soviet films. The study is based on the premise that in Russian culture, the Caucasus serves as a projection screen for a variety of discourses that are of fundamental importance to Russia’s own culture and own collective self-conception. It analyzes how far constructions of the "Other" serve to generate Russian collective identity. The focus here is on the category of a "national identity" as compounded with gender discourses. Thus, the dissertation is associated with that school of research which presumes that national processes of identity formation occur by way of cultural constructions of "the Other", with alterity being coded either in gender categories or national/ethnical categories. As the respective research has shown, the conflation of discourses on "nation" and "masculinity" or "femininity" in particular can be seen as a reason for the powerful and enduring impact of these discourse formations until today.
The study focuses on two periods when the question of a "distinctive Russian" identity was intensely discussed as well as on two key media that dominated the respective periods: Romanticism as the first period when Russian literature about the Caucasus flourished, and post-Soviet films and TV series on the Chechen Wars. Both periods are marked by Russian-Caucasian wars as well as virulent discussions over the question of Russia’s own national identity.
In terms of theory, this study is situated at the interface of postcolonial and gender studies; methodologically, the approaches of discourse analysis are correlated with the instruments of deconstructivism and the postcolonial concept of hybridity. In the analysis of texts and films, these theoretical constructions and methodical approaches have proven especially productive for decoding such representations that produce identity and alterity as homogeneous, self-contained units organized into bipolar structures, as well as for accounting for such representations that generate instabilities, flowing attributions, deconstructive tendencies, and hybridizations. Thus, previous readings of Russian Caucasus literature are questioned and the texts are re-read against the background of more recent theory formations.
The first part of this dissertation is dedicated to depictions of the Caucasus in romanticism. An overview chapter systemizes and analyzes dominant strings of discourse and modes of presentations of the Caucasus, such as can be seen in a colonial context: the representations of the "Other" as "savages", the "captivity narrative", and literary "Orientalisations". Furthermore, there is a focus on depictions of landscape that are marked by the (pre-romantic) aesthetic categories of the "sublime" and the "beautiful". As will be shown, all these topoi and narratives prove relevant for the questions of national identity constructions compounded with gender attributions.
Against the background of these heterogeneous strings of discourse, a close analysis of individual texts will examine in how far this might possibly result in a destabilizing, deconstructive interaction. This question will be pursued using a selection of texts, including both highly canonized ones by A. S. Pushkin and M. Yu. Lermontov and non-canonized works by female writers, such as poems by E. P. Rostopchina and prose by E. A. Gan. Amongst others, Lermontov’s verse poem "Izmail-Bei", Gan’s story "Vospominanie Zheleznovodska", and Pushkin’s travel report "Puteshestvie v Arzrum" are examined. The analysis of the texts will show, for example, how the ontologization of "identity" and "alterity" is questioned, or to what extent the romantic "Caucasus text" is playfully satirized. It is established that in these multi-layered texts, constructions of a "national identity" and ontologizing attributions to the category of "gender" are occasionally refracted or ultimately rejected.
The second part of the dissertation is concerned with the representation of the Chechen Wars at the end of the 20th and the beginning of the 21st century through the medium of film. It discusses the efficacy of patterns of representations derived from the so-called "high" Caucasus literature of romanticism in contemporary Russian popular culture – again in relation to the functionalization and conflation of gender and national identity. The conclusion indicates that up until the start of the second Chechen War, the representations of armed conflicts in film tend to draw upon ambivalent patterns of representations or ambiguities, which hardly lend themselves to the propagation of "national projects". This changes subsequently: now there is a dominance of distinctive bipolar, ontologizing patterns of representation as well as fixed demarcations between the national or ethnical "Self" and "Other", combined with an increasing tendency towards depicting a complementary relationship between the sexes. These depictions strongly promote a Russian national war discourse. At the same time, the films reactivate images of the Caucasus and mechanisms of identity formation that have been identified and developed for the Caucasus literature of romanticism; albeit without perpetuating the ambivalences, complexity, and deconstructive elements that have been identified in the romantic literary texts on the Caucasus.


SWD-Schlagwörter: Russistik , Kaukasus <Motiv> , Nationalbewusstsein , Geschlechterforschung , Puskin, Aleksandr S. , Lermontov, Michail Ju. , Film , Romantik , Literat
Freie Schlagwörter (deutsch): E. A. Gan , E. P. Rostopcina , postsowjetischer Film
Freie Schlagwörter (englisch): postcolonial studies , russian romantic literature , post-Soviet films , caucasus
Institut: Slavisches Seminar
Fakultät: Philologische Fakultät
DDC-Sachgruppe: Literatur in anderen Sprachen
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Cheauré, Elisabeth (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 25.07.2008
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 20.01.2010
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