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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-75427
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7542/


Hütter, Mandy

Dissoziation von Einstellung und Gedächtnis: Zur Bedeutung des Kontingenzbewusstseins für die Evaluative Konditionierung

Dissociation of attitude and memory: on the role of contingency awareness in evaluative conditioning

Dokument1.pdf (1.671 KB) (md5sum: d3c42de4595a94f0abaf4fb298e664fd)

Kurzfassung in Deutsch

Die Evaluative Konditionierung bezeichnet das Phänomen, dass Einstellungen durch die gemeinsame Präsentation von Stimuli unterschiedlicher Valenz gelernt oder modifiziert werden können. Kann dabei ein Stimulus den anderen verlässlich vorhersagen, besteht eine statistische Kontingenz zwischen diesen Stimuli. Seit Jahren besteht eine Kontroverse um die Notwendigkeit der Bewusstheit dieser Kontingenz für die Evaluative Konditionierung und damit ihre Verwandtschaft mit der Klassischen Konditionierung (Rescorla, 1974).
Die Problematik vieler Studien, die einen Einfluss des Kontingenzbewusstseins zeigten (z.B. Stahl & Unkelbach, 2009; Stahl, Unkelbach & Corneille, 2009), besteht darin, dass Gedächtnismaße von der erworbenen Einstellung beeinflusst sein können. Indem die Einstellung als Hinweisreiz verwendet wird und in einer korrekten Antwort mündet, werden Effekte der Einstellung dem Kontingenzgedächtnis zugeschrieben. In den vorliegenden Experimenten wird ein Prozessdissoziationsparadigma verwendet, um zu prüfen, ob die Evaluative Konditionierung auch ohne Kontingenzbewusstsein möglich ist. Dazu wurde eine Gedächtnisaufgabe entwickelt, die zwischen Gedächtnis- und Einstellungsprozessen differenzieren kann. Die Stärke beider Prozesse und von Ratetendenzen wurde anschließend in einem Multinomialen Modell geschätzt.
Die Evaluative Konditionierung zeigte sich in der Veränderung der Valenz ehemals neutraler Gesichter in Richtung der Valenz emotional aufgeladener Bilder. Negative Paarungen konnten dabei eine größere Veränderung hervorrufen als positive Paarungen. Damit decken sich die Ergebnisse dieser Arbeit mit früheren Befunden zur Dominanz negativer Information.
Um Einstellungs- und Gedächtnisprozesse voneinander zu separieren, beinhaltete jedes Experiment eine analoge und eine inverse Bedingung der Gedächtnisaufgabe. Die Gedächtnisaufgabe verlangte zunächst ein Urteil, ob ein Gesicht mit angenehmen oder unangenehmen Bildern gezeigt wurde. Die Probanden wurden instruiert, ihre Einstellung zum Gesicht heranzuziehen, falls sie nicht über ein Gedächtnis an die jeweilige Paarung verfügten. In der analogen Bedingung wurden die Probanden instruiert, immer entsprechend ihres Gedächtnisses und ihrer Einstellung zu antworten. In der inversen Bedingung musste eines dieser Urteile umgekehrt werden.
Die Modellanalysen zeigten, dass die Evaluative Konditionierung zur Einstellungsbildung führt, auch wenn kein Kontingenzbewusstsein vorliegt. Dieses Ergebnis zeigte sich sowohl in der Gesamtauswertung des Zwischensubjektdesigns als auch in der jeweils ersten Aufgabe des Innersubjektdesigns bezüglich der Gedächtnisaufgabe. Mussten die Probanden auch die zweite Instruktionsbedingung bearbeiten, war die Bedeutsamkeit des Einstellungsparameters nicht mehr nachweisbar. Die Analyse dieser Aufgaben legte asymmetrische Aufgabenwechselkosten nah (Allport, Styles & Hsieh, 1994; Wylie & Allport, 2000). Das bedeutet, dass insbesondere die inverse Bedingung, in der die dominante Reaktion inhibiert werden muss, auf die folgende analoge Instruktionsbedingung nachwirkt, was zu mehr inkorrekten Antworten führt.
Das Multinomiale Verarbeitungsbaummodell wurde auf verschiedene Arten validiert. So war der Einstellungsparameter besonders groß, wenn bereits valente Gesichter für die Konditionierung verwendet wurden. Weiterhin waren die Modelle kongruent für Experimente, in denen mit einer Inversion des Gedächtnisses oder der Einstellung in der Gedächtnisaufgabe gearbeitet wurde. Da nur im Innersubjektdesign ein Einstellungsparameter für jede Person berechnet werden kann, konnte bisher keine Korrelation der Einstellungsparameter mit dem Konditionierungseffekt in den Valenzratings vorgenommen werden. Deshalb werden weitere Möglichkeiten, das Multinomiale Verarbeitungsbaummodell im Innersubjektdesign zu untersuchen, vorgeschlagen.
Aus den Ergebnissen wird geschlussfolgert, dass das Kontingenzbewusstsein für die Evaluative Konditionierung möglicherweise nicht notwendig ist und allein die räumlich-zeitliche Kontiguität der gepaarten Stimuli eine Voraussetzung darstellt. Damit unterscheidet sich der Lernmechanismus der Evaluativen Konditionierung von jenem der Klassischen Konditionierung. Neben propositionalen Prozessen, die auf Annahmen über die Beziehung der gepaarten Stimuli beruhen, führen möglicherweise assoziative Prozesse, die zu unspezifischen Verknüpfungen zwischen Repräsentationen führen, und propositionale Prozesse, die nicht auf der statistischen Kontingenz beruhen, zu einer Veränderung der Einstellung. Als zukünftige Forschungsstrategie wird unter anderem die Identifikation der verschiedenen Lernmechanismen und möglicher Rahmenbedingungen und Moderatoren propositionaler und assoziativer Lernprozesse vorgeschlagen.


Kurzfassung in Englisch

Evaluative conditioning refers to the phenomenon that attitudes can be learned or modified, when stimuli of different valences are presented together. When one stimulus predicts the other reliably there exists a statistical contingency between these stimuli. For years, there has been a controversy about the necessity of awareness of emergency contingency for evaluative conditioning and thus its resemblance to classical conditioning (Rescorla, 1974).
The problem of many studies showing an effect of contingency awareness (e.g., Stahl & Unkelbach, 2009; Stahl, Unkelbach & Corneille, 2009) is that administered memory measures may be influenced by the acquired attitude. While the attitude is used as a cue leading to a correct answer, its effects are attributed to contingency memory. In the experiments of the present work, a process dissociation paradigm is used to check whether evaluative conditioning is also possible without contingency awareness. A memory task was developed that differentiates between memory and attitude processes. The strength of both processes was subsequently estimated in a multinomial model.
In the current experiments a picture paradigm was used pairing photos of faces with pleasant or unpleasant pictures. Evaluative conditioning was evident in the change of valence of the faces in the direction of the valenced images. Results also show that the attitude change is larger for negative pairings than for positive pairings. Thus, the results of this study coincide with previous findings on the dominance of negative information from a variety of areas.
In order to separate attitude and memory processes, each experiment contained an inclusion and exclusion condition of the memory task. The memory task required participants to first judge whether a face was paired with pleasant or unpleasant pictures. Participants were instructed to use their attitude toward the face if they did not have a memory of the respective pairing. In the inclusion condition participants were instructed to always respond according to their memory and their attitude. In the exclusion condition one of these judgments had to be reversed.
In the multinomial model it is shown that attitudes were established by evaluative conditioning, even without contingency memory. This result was found both in the overall evaluation of the between-subjects design. In the within-subjects design of the memory task the attitude parameter was only significant for the first task completed. The analysis of the sequence effects on the memory tasks revealed asymmetrical task switching costs (Allport, Styles & Hsieh, 1994; Wylie & Allport, 2000). This means, that in particular the exclusion condition in which the dominant response must be inhibited effects the following inclusion condition yielding more incorrect answers.
The multinomial processing tree model has been validated in various ways. Thus, the attitude parameter was particularly large when valent faces were used for conditioning. Furthermore, the model revealed convergent results for experiments that worked with an inversion of the memory or an inversion of the attitude in the memory task. The between-design prohibits the validation of the attitude parameter by correlating it with the individual conditioning effects as individual attitude parameters could only be calculated in a within-subjects design. Therefore, other ways to investigate the multinomial processing tree model in the within-subjects design are proposed.
From the results it is concluded that contingency awareness might not be a necessary precondition for evaluative conditioning to occur. Only the spatial-temporal contiguity of the paired stimuli seems to be a prerequisite. Thus, the learning mechanism of evaluative conditioning differs from that of classical conditioning. Classical conditioning is based on expectancy learning that requires contingency awareness. Besides propositional processes that are based on assumptions about the relationship of paired stimuli, associative processes that lead to non-specific linkage between representations and propositional processes that are not based on the statistical contingency may lead to attitude change. Future research should attend to the identification of the various learning mechanisms and possible moderators of propositional and associative learning processes.


SWD-Schlagwörter: Einstellung
Freie Schlagwörter (deutsch): Evaluative Konditionierung , Multinomiales Modell , Kontingenzbewusstsein
Freie Schlagwörter (englisch): evaluative conditioning , affective learning , attitudes , multinomial model , contingency awareness
Institut: Institut für Psychologie
Fakultät: Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftliche Fakultät
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Klauer, Karl Christoph (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 28.05.2010
Erstellungsjahr: 2010
Publikationsdatum: 01.06.2010
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