Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Eingang zum Volltext

Lizenz

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-75609
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7560/


Philipp, Anja

Emotionsregulation im Unterricht und deren Relevanz für das Befinden und die Arbeitsfähigkeit von Lehrkräften in Abhängigkeit von der Dauer im Schuldienst

Emotion regulation in class and its relevance for the well-being and the work-ability of teachers

Dokument1.pdf (2.983 KB) (md5sum: 80f94bc062414c40cfbca74318af6841)

Kurzfassung in Deutsch

Lehrkräfte verbringen ca. 40-45% ihrer Arbeitszeit im Unterricht. Unterrichten ist ein kooperativer Prozess, der nur unter Mitarbeit der Schüler erfolgreich sein kann (Nerdinger, 1994). Dies geschieht nicht immer ohne Störungen, und diese lösen zum Teil intensive Emotionen aus, was einen zusätzlichen kognitiven aber insbesondere auch emotionalen Regulationsaufwand mit sich bringt (Zapf, 2002). Dass gerade auch die Regulation der eigenen Emotionen im Unterricht relevant ist, wird deutlich, wenn man die Zahlen zum Befinden und der Arbeitsfähigkeit von Lehrkräften betrachtet. Etwa ein Drittel aller Lehrkräfte fühlen sich emotional erschöpft (Weber, 2007) und ein gutes Drittel (39%) weisen eine ungünstige Arbeitsfähigkeit auf (Seibt, Heduschka & Spitzer, 2007). Dies trägt dazu bei, dass viele Lehrkräfte mit burnoutverwandten Diagnosen frühzeitig aus dem Beruf ausscheiden (Weber, Weltle & Lederer, 2005). Andererseits sind die Lehrkräfte den Belastungen auch nicht hilflos ausgeliefert. 17% der von Schaarschmidt (Schaarschmidt & Kieschke, 2007) untersuchten Lehrkräfte zeichnen sich durch hohes berufliches Engagement aus und sind widerstandsfähig gegenüber Belastungen. Unterschiedliche Strategien zur Regulation der eigenen Emotionen in belastenden Unterrichtssituationen wurden in diese Arbeit integriert und deren Wirkung auf die emotionale Erschöpfung, Hingabe und Arbeitsfähigkeit differenziert betrachtet.
Dabei zeigt sich in Studie I im Querschnitt, dass die vier untersuchten Strategien der Emotionsregulation unterschiedliche Zusammenhänge mit dem Befinden und der Arbeitsfähigkeit von 210 Hauptsschullehrkräften aufweisen. Deep acting (Strategie, bei der ein Einklang zwischen spontan aufkommender und in der Situation als angemessen erachteter Emotion hergestellt wird) steht erwartungsgemäß in einem schwachen Zusammenhang mit emotionaler Erschöpfung, während surface acting (Strategie, bei der eine Emotion geäußert wird, die nicht der spontan empfundenen entspricht) in einem stärkeren Zusammenhang steht. Surface acting korreliert ebenfalls mit verringerter Arbeitsfähigkeit und Hingabe. Auch faking in bad faith (Strategie, bei der eine Emotion geäußert wird, die nicht der spontan empfundenen entspricht, weil negative Konsequenzen erwartet werden) weist ein analoges Korrelationsmuster zu surface acting auf. Surface acting und faking in bad faith scheinen demnach eng miteinander verwandt, wie es Grandey (2003) postuliert. Jedoch zeigen sich interessante Zusammenhänge zwischen faking in good faith (Strategie, bei der eine Emotion geäußert wird, die nicht der spontan empfundenen entspricht, zum Wohl der Schüler und zur erfolgreichen Fortsetzung des Unterrichts) und dem Befinden der Lehrkräfte. Während deep acting in einem schwachen Zusammenhang mit emotionaler Erschöpfung steht, korreliert faking in good faith mit erhöhter Hingabe für den Beruf. Beide sollten, entgegen der Annahme von Grandey (2003), in weiteren Schritten der Arbeit differenziert betrachtet werden.
Auf Basis der Angaben von 102 Hauptschullehrkräften, die sowohl an Studie I als auch ein Jahr später an Studie II teilgenommen haben, konnte festgestellt werden, dass die Emotionsregulation auch längerfristig relevant für das Befinden und die Arbeitsfähigkeit ist. Deep acting ist nicht nur weniger gesundheitsbeeinträchtigend (wie es die Ergebnisse im Querschnitt nahe legen) sondern sogar gesundheitsförderlich, da es ein verringertes Empfinden emotionaler Erschöpfung nach einem Jahr mit sich bringt. Surface acting ist auch längerfristig die stärker gesundheitsbeeinträchtigende Strategie, da es zu einer Verschlechterung der Arbeitsfähigkeit beiträgt. Es deutet sich aber auch eine Verlustspirale im Sinne der Conservation of Resources Theorie (Hobfoll & Freedy, 1993) an. Die längsschnittlichen Analysen zeigen, dass Lehrkräfte, die emotional erschöpft und in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt sind, stärker surface acting nutzen, was wiederum zu einer Verringerung der Arbeitsfähigkeit beiträgt.
Derartige Befunde machen deutlich, dass der Zeitverlauf bei der Betrachtung der Emotionsregulation eine Rolle spielt. Neben Effekten des Befindens, die eine Veränderung der Emotionsregulation mit sich bringen können, sind, so zeigt die entwicklungspsychologische Forschung, auch alternsbedingte Veränderungen in Betracht zu ziehen.
Die Ergebnisse von Studie III machen deutlich, dass gerade ältere Lehrkräfte intensiv Einfluss auf ihre eigenen Emotionen nehmen. Sie bemühen sich in verschiedenen Situationen insbesondere stärker um deep acting als Lehrkräfte mittleren Berufsalters. Auch die jüngeren Lehrkräfte tendieren dazu, ihre Emotionen stärker zu beeinflussen als die Lehrkräfte mittleren Berufsalters.
Die vorliegende Arbeit konnte zeigen, dass eine gute Emotionsregulation wesentlich dazu beiträgt, im Lehrerberuf längerfristig gesund zu bleiben. Einer ungünstigen Entwicklung hin zu Burnout und verminderter Arbeitsfähigkeit sollte frühzeitig entgegengesteuert werden. Auftretende Verlustspiralen (Hobfoll & Freedy, 1993) gilt es zu unterbrechen und stattdessen deep acting als längerfristig günstige Strategie zu etablieren. Dazu ist es erforderlich, eine Intervention zum gesundheitsförderlichen Umgang mit den eigenen Emotionen im Unterricht zu entwickeln, die insbesondere berufsälteren Lehrkräften aber auch Lehrkräften zu Beginn ihres Berufslebens angeboten werden sollte. Wie eine solche Intervention gestaltet sein könnte wird am Ende dieser Arbeit dargelegt.


Kurzfassung in Englisch

Teachers spend about 40-45% of their time in class (Krause, 2002). Teaching can only be successful if pupils are cooperative (Nerdinger, 1994). Demanding situations and disturbances are almost inevitable in such a cooperative process and may evoke intense emotions. This requires additional cognitive and also emotional effort. According to action theory such disturbances can be defined as obstacles in the regulation process (e.g. Frese & Zapf, 1994). The relatively high burnout-rates of teachers highlight the importance of emotion regulation when facing obstacles. Approximately one-third of teachers feel emotionally exhausted and are on their way to burnout (Weber, 2007) and more than one-third have a poor or moderate work ability (Seibt, Heduschka & Spitzer, 2007). Thus, a great number of teachers leave their profession early due to burnout-related diseases. On the other hand, teachers are not helpless in the face of such obstacles. 17% of the teachers in a large study by Schaarschmidt (Schaarschmidt & Kieschke, 2007) are characterised by high professional engagement and hardiness in the face of obstacles.
The effects of four different emotion regulation strategies in demanding situations in the classroom on emotional exhaustion, dedication and work ability are investigated in this work. Study I (cross-sectional) shows that the investigated strategies of emotion regulation have different effects on the health of the 210 secondary school teachers. Deep acting (a strategy to conciliate a spontaneously felt emotion and the emotion appropriate in the situation) correlates - as expected - weakly with emotional exhaustion and surface acting (the expression of an emotion which is not felt) correlates strongly with emotional exhaustion. Surface acting also correlates with reduced work ability and dedication. Faking in bad faith (the expression of an emotion which is not felt fearing negative consequences) shows an equivalent pattern of correlations. Surface acting and faking in bad faith seem to be closely related, as Grandey (2003) postulates. However, deep acting and faking in good faith (the expression of an emotion which is not felt for the benefit of the pupils) show different correlation patterns. Whereas deep acting correlates positively with emotional exhaustion, faking in good faith correlates with increased dedication. Both should be investigated separately in opposition to the assumption of Grandey (2003).
On the basis of a subsample of 102 teachers, who took part in study I as well as in study II (one year later), it can be established that emotion regulation is relevant for the health of teachers even over longer periods of time. Whereas deep acting is not only less health-impairing, as the results of the cross-sectional analysis show, it may even be health-beneficial over longer periods of time due to its effect leading to decreased emotional exhaustion. Surface acting, on the other hand, is health-impairing over longer periods of time as the effect on reduced work ability implies. A loss spiral according to the Conservation of Resources Theory (Hobfoll & Freedy, 1993) may develop. Once emotionally exhausted and impaired in their work-ability, teachers would rather use surface acting, which may, in turn, lead to a decrease in their work-ability.
These results also imply that, depending on the health, the emotion regulation may change over the professional life span. Results of a third study with 205 secondary school teachers show that especially older teachers (who worked more than 20 years) regulate their emotions intensely. They tend to conciliate their spontaneously felt emotions and the emotion they perceive as appropriate in the situation by deep acting more strongly over the course of different episodes than their middle-aged colleagues. This also applies to younger teachers, although this difference is less pronounced and not consistently significant.
This work was able to show that emotion regulation is relevant for the health of teachers even over the period of one year. A loss-spiral (Hobfoll & Freedy, 1993) has to be interrupted as early as possible, e.g. by fostering deep acting, which was health-beneficial over the period of one year according to the results of studies I and II. The development of an intervention is necessary to establish and maintain a health-beneficial emotion regulation in the face of obstacles. It should address older teachers as well as their young colleagues. Implications for the design of such an intervention will be discussed at the end of this work.


SWD-Schlagwörter: Lehrer , Engagement , Burn-out-Syndrom , Arbeitsfähigkeit , Alter , Längsschnitt , Gefühl , Unterricht
Freie Schlagwörter (deutsch): Emotionsregulation , Lehrkräfte , Burnout , Engagement , Alter
Freie Schlagwörter (englisch): emotion regulation , teacher , burnout , engagement , age
Institut: Institut für Psychologie
Fakultät: Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftliche Fakultät
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Schüpbach, Heinz (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 19.04.2010
Erstellungsjahr: 2010
Publikationsdatum: 16.06.2010
Indexliste