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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-76178
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7617/


Günes, Ergin

Die regionale Großmachtpolitik der Türkei und das südostanatolische Projekt GAP

Turkey’s regional power policy and the Southeast Anatolia Project GAP

Dokument1.pdf (1.539 KB) (md5sum: ecd078556b88336ccee73055c3766a51)

Kurzfassung in Deutsch

Das Ende des Kalten Krieges verschaffte einzelnen Staaten wie der Türkei Israel auch mehr Freiraum, ihre eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen. Es entstand also eine gewisse Multilateralität/Multipolarität in der Weltpolitik allerdings nur innerhalb eines durch die Interessen der USA und deren oftmals unilaterales Vorgehen definierten Rahmens.
Unter dem Schutz der einzig verbliebenen Supermacht USA können deren Verbündete, wie die Türkische Republik, auf regionaler Ebene ihre machtpolitischen Interessen gezielter verfolgen als in der Vergangenheit. Dies macht sich in geografischen, sprachlichen, ethnischen, geschichtlichen und ökonomischen Aspekten der Außenpolitik der Türkei gegenüber den Ländern des Nahen Ostens und des Kaukasus bemerkbar. Sie setzt als ein Verbündeter und Partner des Westens vermehrt Mittel und Ressourcen in der Region ein, um zu einer Regionalmacht aufzusteigen, und übt als EU-Anwärter und Nachbar des Nahen Ostens und des Kaukasus eine wichtige ökonomische und geostrategische Brückenfunktion zwischen Europa und dem Nahen Osten aus.
Der Verfasser geht also davon aus, dass sich die Türkische Republik seit dem Ende des Kalten Krieges außenpolitisch neben der Westbindung zum Ziel gesetzt hat, zu einer regionalen Großmacht aufzusteigen. Die Handlungsfähigkeit der türkischen Interessenpolitik im internationalen System wird aber durch zwei Hindernisse stark eingeschränkt. Das sind erstens die Kurdenfrage und zweitens ökonomische Probleme in Form eines zu großen Handelsdefizits und daraus resultierender Abwertungen, die zu einer Reihe von Wirtschaftskrisen in der jüngeren Vergangenheit führten.
Durch das Südostanatolien-Projekt (Güneydoğu Anadolu Projesi, GAP) strebt die Türkei einen entscheidenden Machtzuwachs an, denn das Projekt ermöglicht es, das Wasser des Euphrat und des Tigris als wirtschaftliches und strategisches Mittel sowohl in der Innenpolitik als auch in der regionalen und internationalen Politik zur Durchsetzung türkischer Interessen zu nutzen. Nicht nur im Nahen Osten, sondern in der gesamten Weltwirtschaft und Weltpolitik ist das Wasser im neuen Jahrhundert zu einem knappen, strategischen und lebenswichtigen Wirtschaftsgut geworden. Wasser, das „weiße Gold“, ist dabei, dem „schwarzen Gold“ (Öl) den Rang abzulaufen.
Der Nahe Osten gehört zu den wasserärmsten Regionen der Welt. Die Türkei verfügt aber mit ihren 112 Mrd. Kubikmetern m³ Wasser im Vergleich zu ihren Nachbarn Irak und Syrien über große Vorkommen. Sie hat diesen Vorteil erkannt und setzt ihn nun in ihrer Großmachtpolitik in der Region ein.
Von der türkischen Wasserpolitik und dem GAP sind der Irak und Syrien als Unteran-rainerstaaten direkt betroffen, vor allem aber die Kurden, da das GAP ausschließlich auf kurdischem Siedlungsgebiet durchgeführt werden soll. Der Radius der kurdischen Aktionsmöglichkeiten ist dabei nicht auf die Türkei beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf die Nachbarstaaten Iran, Irak und Syrien; und selbstverständlich haben ihre Interessen nach der US-amerikanischen Invasion im Irak an Bedeutung gewonnen.
Die Türkei ist als Partner der EU, Israels und der USA im Nahen Osten zwar ein entscheidender Baustein im politischen Gefüge dieser Region, sieht sich aber von ihren Partnern noch nicht als vollwertig und gleichberechtigt akzeptiert, sondern in der Wahrung ihrer Interessen in der Region durch diese Mächte beeinträchtigt. Sie ist der Ansicht, dass ebenso wie die politischen Konkurrenten der Türkei (Russland, Iran, Irak und Syrien) auch die westlichen Partner die Kurdenfrage gegebenenfalls gegen die Türkei instrumentalisieren. In diesem Machtspiel soll das GAP ein Gegeninstrument zur Wahrung wirtschaftlicher und strategischer Interessen der Türkei darstellen.
Das kostspielige GAP an Euphrat und Tigris in Südostanatolien umfasst zunächst einmal 19 Wasserkraftwerke mit einer Kapazität von je 8 000 MW. Jährlich sollen 27 Milliarden kWh Strom produziert werden, 22 Staudämme und Bewässerungskanäle werden die Bewässerung von 1,82 Millionen Ha Boden ermöglichen. Das Projekt soll bis zur Fertigstellung nach offiziellen Angaben 32 Milliarden US-Dollar kosten und nach seiner geplanten Vollendung im Jahre 2010 Einnahmen von mindestens 17,1 Mrd. Dollar jährlich erwirtschaften. Diese Einnahmen könnten durch Mehrwertprodukte und Wasserexporte um ein Vielfaches gesteigert werden.
Da Wasser im Nahen Osten auf Grund des Bevölkerungswachstums und Klimawandels immer knapper wird, kommt ihm neben dem Öl eine zentrale strategische und wirtschaftliche Bedeutung in der Region zu. In dieser Situation soll das an Euphrat und Tigris im Bau befindliche Projekt der Türkei als Werkzeug zum Aufstieg zur Regionalgroßmacht in einer wasserarmen Region dienen: Das Wasser soll der Türkei die für ihre Sicherheit und Stabilität als notwendig erachteten Machtressourcen verschaffen. Dies gilt sowohl in Bezug auf die Nationalökonomie als auch in innenpolitischer, regionalpolitischer und sicherheitspolitischer Hinsicht, womit sämtliche entscheidenden Machtfaktoren abgedeckt wären.


Kurzfassung in Englisch

The end of the cold war created more space for countries like Turkey and Israel to pursue their own political and economic interests. A kind of multilateralism/multipolarity emerged, however only in the framework, which was designed by the interests of the USA.
Protected by the only super power USA, its allies such as the Republic of Turkey, can pursue their interests more directly than in the past. This can be observed in geographic, linguistic, ethnic, historic and economic aspects of Turkey’s foreign policy towards the countries of the Middle East and the Caucasus. As an ally and partner of the West, Turkey is committing more resources in the region to emerge as a regional power, recognizing that as an EU candidate and neighbour to the Middle East and the Caucasus, Turkey is in a singular position to play an important economic and geostrategic in the region.
The author assumes that after the end of the Cold War Turkey, besides alignment with the West, also added to its foreign policy the goal to become a regional power. However, Turkey’s ability to make progress in this regard is hindered by two obstacles: the Kurdish situation and economic problems stemming from a trade deficit which has led to a series of recent economic crises. With the Southeast Anatolia Project (Güneydoğu Anadolu Projesi, GAP), Turkey is striving to gain power, because the project will enable Turkey to use the water of the Euphrates and Tigris as both an economic and strategic means in domestic and international policies to promote Turkish interests. Not only in the Middle East, but in several key global regions of global economic and security interest, water has become a commodity of strategic and vital economic value. Water, the “white gold” is outstripping the “black gold” (oil).
The Middle East is one of the most arid regions in the world. However, Turkey has 112 billion cubic meters more in comparison with her neighbours Iraq and Syria. Turkey has recognized this advantage and is using it to leverage its influence in the region.
Iraq and Syria are directly affected by Turkey’s water policy and GAP, as are the Southern neighbours and especially the Kurds, because GAP is exclusively accomplished on Kurdish settlement areas. Kurdish activities are not limited to Turkey, but include Iran, Iraq and Syria. After the US-invasion of Iraq Kurdish influence has increased in the region.
Turkey as partner of the EU, Israel and the US in the Middle East is a decisive part of the political arrangement of the region, but doesn’t feel accepted as an equal, but limited by these powers to achieve her interests. Turkey believes that both the political competitors (Russia, Iran, Iraq, Syria) and the Western partners bolster the Kurdish cause against Turkey. In this power struggle GAP shall serve as a counter balance to maintain economic and strategic interests of Turkey.
The costly GAP includes 19 hydro power plants with a capacity of 8000 MW each. Yearly 27 billion kWh electricity shall be produced, 22 dams and irrigation channels for 1,82 million Ha built. The project is supposed to cost in total according to official numbers 32 billion USD and after its completion in 2010 generate yearly 17.1 billion USD. These revenues could be multiplied through water exports and value-added products.
Since water is getting ever scarcer in the Middle East due to population growth and climate change, it is occupying a role similar to that of oil in the strategic and economic planning in the region. In this situation the project currently being built at the Euphrates and Tigris should serve Turkey’s bid to become a regional power in an arid region: water should get Turkey the necessary power resources for security and stability. This is true for both the national economy and the domestic, regional and security policy aspects, through which all important power factors would be covered.


SWD-Schlagwörter: Großmachtpolitik , Südostanatolien-Projekt , Türkei, Region
Freie Schlagwörter (deutsch): Türkei , Grossmachtpolitik , GAP
Freie Schlagwörter (englisch): Turkey , Regional Power Policy , GAP
Institut: Seminar für Wissenschaftliche Politik
Fakultät: Philosophische Fakultät
DDC-Sachgruppe: Politikwissenschaft
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Weiland, Heribert (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 15.06.2010
Erstellungsjahr: 2010
Publikationsdatum: 08.07.2010
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