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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:bsz:25-opus-83516
URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/8351/


Peter, Andreas Georg

Auf dem Weg zu Zwang und Freiheit? : wie die widersprüchlichen Tendenzen in der Armutspolitik erklärt und überwunden werden können

On the way to freedom and coercion?

Dokument1.pdf (2.459 KB) (md5sum: 8878a3e3efeb8458a14da61aff9c27ba)

Kurzfassung in Deutsch

Die armutspolitische Entwicklung in Deutschland ist durch zwei widersprüchliche Tendenzen geprägt. Einerseits gibt es einen Trend zur Freiheit. Seinen offensichtlichsten Ausdruck findet diese Entwicklung im expliziten Bekenntnis der Bundesregierung zum Verwirklichungschancenansatz von Amartya Sen. Zentrale Orientierungsgröße der Sozialpolitik soll nicht länger das Einkommen, sondern umfassender der Handlungsspielraum der Menschen bei der Gestaltung ihres Lebens sein.
Andererseits gibt es einen Trend zu Zwang und Paternalismus. Das deutlichste Zeichen dieses Trends ist die Etablierung einer „aktivierenden Sozialpolitik“. Der Zweck von Sozialleistungen wird nun nicht mehr nur in der Befriedigung der Bedürfnisse der Empfänger gesehen, sondern auch in der „Verbesserung“ von deren Verhalten. Der Staat greift dazu direkt in die Lebensgestaltung von Menschen zu deren vermeintlich eigenem Besten ein.
Während der erste sozialpolitische Trend darauf abzielt, einen möglichst großen Handlungsspielraum für die Menschen zu schaffen, damit sie ihr Leben gemäß ihrer eigenen Pläne führen können, wird andererseits mit Mitteln des Zwangs in die Lebensführung von Individuen eingegriffen. In der Armuts- und Sozialpolitik scheint sich Deutschland also auf einem widersprüchlichen Weg zu befinden, der gleichzeitig zu mehr Zwang und zu mehr Freiheit führt. Wie kann das gleichzeitige Auftreten dieser widersprüchlichen Tendenzen erklärt werden? Und wie kann die Widersprüchlichkeit in der Sozialpolitik überwunden werden? Das sind die zentralen Fragen, die in der vorliegenden Arbeit gestellt und beantwortet werden.

Die widersprüchlichen Tendenzen lassen sich besser verstehen, wenn man berücksichtigt, dass wir in einer Welt der Ungewissheit leben. Ausgangspunkt des Konzepts der Ungewissheit ist die Modellvorstellung des Menschen als lebensplanendes Wesen. Im Modell wählt jede Person den von ihr gewünschten Lebensstil aus einer individuell gegebenen Menge an verwirklichbaren Lebensstilen aus. Ein einzelner Lebensstil ist dabei Ausdruck all dessen, was eine Person in ihrem Leben tut, was sie ist und wie es ihr geht. Die Lebensplanung geschieht unter Ungewissheit. Bei der Planung ihres Lebens weiß eine Person also nicht sicher, welches die für sie 1) normativ besten und 2) soziostrukturell verwirklichbaren Lebensstile sind.
Innerhalb des Modells lebensplanender Individuen unter Ungewissheit können Fragen der Definition und der Erklärung von Armut fundiert analysiert werden. Bezüglich der Definition von Armut lassen sich aus der Perspektive des Modells zwei grundlegende Typen unterscheiden. Armut kann A) als eine Eigenschaft des realisierten Lebensstils oder B) als eine Eigenschaft der Menge der realisierbaren Lebensstile definiert werden. Bezüglich der Erklärung von Armut lassen sich prinzipiell drei Typen unterscheiden. Die Armut eines Individuums kann a) mit Verweis auf die Menge der soziostrukturell verwirklichbaren Lebensstile, b) mit Verweis auf die Lebensstilwahl des Individuums oder c) mit Verweis auf die Erwartungen des Individuums hinsichtlich seiner verwirklichbaren Lebensstile erklärt werden.

Für die Erklärung der Widersprüchlichkeit der Entwicklungen ist entscheidend, dass die an Amartya Sen angelehnte Armutsdefinition der Bundesregierung logisch nicht mit ihren Armutserklärungen vereinbar ist. Sens Ansatz liegt die Vermutung einer Kompetenz des Menschen zur eigenständigen Lebensplanung zugrunde. In Unterschichttheorien wird dagegen unterstellt, dass die Angehörigen bestimmter Bevölkerungsgruppen mit einer selbständigen Lebensplanung systematisch überfordert seien.
Zur Überwindung der Widersprüchlichkeit müssen die Definitionen und Erklärungen von Armut auf eine einheitliche theoretische Basis der Ungewissheit gestellt werden. Es muss Berücksichtigung finden, dass der für die Lebensplanung relevante Hand¬lungsspielraum einer Person nicht nur von ihren Ressour¬cen und strukturellen Beschränkungen abhängig ist, wie im Verwirklichungschancenansatz unterstellt, sondern auch von ihren Erwartungen. Um frei zu sein, brauchen Menschen nicht nur Handlungschancen, sondern auch das Vertrauen in ihre eigene Handlungswirksamkeit.
Verdeutlichen lässt sich dieser Perspektivwechsel am Beispiel der Rolle von Bildung in der Armutsbekämpfung. Mehr Bildungsangebote können nur unter bestimmten Voraussetzungen eine Lösung der Armutsprobleme darstellen. Denn die Begünstigten werden Bildungsangebote nur dann annehmen, wenn sie erwarten, daraus neue Lebensperspektiven zu erhalten. Es ist jedoch gerade ein zentrales Merkmal der Unterschicht, dass ihre Mitglieder durch einen starken „Statusfatalismus“ (Köcher 2009) gefesselt sind. Bildung kann deshalb nur dann der Schlüssel im Kampf gegen Armut sein, wenn es gleichzeitig gelingt, die Zuversicht und die Selbstwirksamkeitserwartungen der Begünstigten zu stärken.


Kurzfassung in Englisch

Welfare policy in Germany is characterized by two contradictory tendencies. On the one hand, there is a trend towards freedom. The most obvious manifestation of this development is the explicit commitment of the federal government to the capability approach of Amartya Sen. In the federal report on poverty and wealth, the central benchmark for social policy is no longer income, but the ‘capability’ of people to lead the kind of lives they value.
On the other hand, there is a trend towards coercion and paternalism. Traditional social policy was based on a philosophy of entitlement. In contrast to that, new workfare programs intervene in the lifestyle of recipients and are used to enforce behavioral obligations.
In the poverty and social policy, therefore, Germany seems to be on a self-contradictive track that leads to more coercion and more freedom simultaneously. How can the simultaneous occurrence of these conflicting trends be explained? And how can the contradiction be overcome? These are the central questions that are addressed in the present work.


SWD-Schlagwörter: Freiheit , Armut , Sen, Amartya Kumar , Sozialstaat , Wohlfahrtsstaat , Unterschicht
Freie Schlagwörter (deutsch): Verwirklichungschancen , Lebenschancen
Freie Schlagwörter (englisch): freedom , capability approach , workfare
Institut: Seminar für Wissenschaftliche Politik
Fakultät: Philosophische Fakultät
DDC-Sachgruppe: Politikwissenschaft
Dokumentart: Dissertation
Erstgutachter: Eith, Ulrich (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 15.08.2011
Erstellungsjahr: 2011
Publikationsdatum: 23.11.2011
Bemerkung: Die Erstellung der Arbeit wurde durch ein Graduiertenstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert.
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